Parkomanie

Die Gartenkunst des Fürsten Pückler in der Bundeskunsthalle

Beim Namen Fürst Pückler denken Viele erst einmal an ein Schoko-Erdbeer-Vanille-Eis. Aber die Eiscreme wurde gar nicht von dem Fürsten erfunden. Dafür hatte er gar keine Zeit, denn er war Gartenkünstler und schuf mit ungeheurem Aufwand drei große Parks, die stilbildend für die Landschaftsgestaltung im 19. Jahrhundert und darüber hinaus waren.

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Hermann Fürst von Pückler-Muskau (1785–1871) war verrückt danach, Landschaft zu gestalten. So steckten er und seine Frau Lucie, die seine Leidenschaft teilte, ihr gesamtes Vermögen in die Anlage eines Parks in ihrem Anwesen in Muskau. Als sie pleite waren, schmiedeten sie einen sehr unkonventionellen Plan, um den Park zu retten: Sie ließen sich scheiden und Pückler reiste nach England, um dort eine reiche Braut zu finden. Die sollte freilich nur der Geldbeschaffung dienen, denn Pückler und Lucie blieben weiterhin eng verbunden. Aber der Reihe nach…

Das gibt’s zu sehen

Mit der Ausstellung „Parkomanie. Die Gartenlandschaften des Fürsten Pückler“ unternimmt die Bundeskunsthalle das Experiment, Landschaftskunst ins Museum zu holen. Das gelingt vor allem durch den Einsatz moderner 3-D-Technik und mit Hilfe des in Pücklersch’er Manier angelegten Dachgartens, der das natürliche Anschauungsmaterial liefert.

20160421_104656[1]Rund 250 Objekte von über 30 öffentlichen und privaten Leihgebern sollen die Idee und die Leidenschaft dokumentieren, die den Schaffensdrang Pücklers antrieben. Pückler war nämlich der Auffassung, dass die Schönheit der Natur auch die Menschen vervollkommnet. Hinter seinem Schaffen stand also durchaus ein pädagogisches Ideal.

Der Besucher wird in der Ausstellung zunächst mit großflächigen Naturaufnahmen aus den Pücklersch’schen Parks empfangen. Wenig weiter stößt man auf den schweren schmiedeeisernen Flügel des Eingangstors zum Muskauer Park: Willkommen in der Welt des Fürsten Pückler.

Die Ausstellung zeigt Pücklers drei große Park-Projekte Muskau, Babelsberg und Branitz in chronologischer Reihenfolge. Zu jedem Park sind auf einem großen Bildschirm bewegte Gartenpläne zu sehen. Mit Drohnen aufgenommene Filme zeigen den jeweiligen Park aus der Vogelperspektive. Zu jedem Park gibt es außerdem einen Film. Auch die unterschiedlichen Jahreszeiten werden durch 3-D-Aufnahmen sichtbar. In Ganztagesaufnahmen lässt sich beobachten, wie Pückler das Spiel zwischen Licht und Schatten bewusst in seine Planungen integrierte.

Den aktuellen Aufnahmen stehen Originalpläne der Gärten, historische Fotografien sowie Exponate aus dem bewegten Leben des Fürsten gegenüber. Ein besonderer Clou: Die Parks werden mit moderner Technik auch ein Stück weit so erlebbar wie sie zu Pücklers Zeiten gesehen wurden. Acht kolorierte Lithografien von A.W.F. Schirmer mit Ansichten von Muskau wurden dazu in 3-D-Dias umgewandelt. Sie können durch kleine Diabetrachter angeschaut werden. Originale Aquarelle der Babelsberger Anlage wurden ebenfalls so konvertiert, dass sie mit 3-D-Brillen betrachtet räumlich wirken.

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Immer wieder wird der ungeheure Aufwand deutlich, mit dem Pückler seine eigene „Garten-Grammatik“ umsetzte. Mit Hilfe einer Baumpflanz-Maschine wurden große Bäume samt riesiger Wurzelballen aus den Wäldern in die Parks geschafft. Ein nachgebautes Exemplar dieser Maschine samt Baum ist auf dem Museumsplatz zu sehen. Kein Wunder also, dass der Fürst irgendwann finanziell ruiniert war. Zwar misslang der Plan, eine reiche englische Braut zur Rettung des Anwesens zu finden. Aber aus seinen Briefen aus England an Lucie machte Pückler er ein Buch, das zum Bestseller wurde. Der Park war gerettet.

20160513_101916[1]Dennoch verkaufte Pückler das Muskauer Anwesen 1845, da ihn die finanzielle Last immer stärker drückte. 1843 erhielt er vom späteren Kaiser Wilhelm den Auftrag, dessen Besitz in Babelsberg zu gestalten. Mittels moderner Dampfmaschinen gelang es Pückler, ein Bewässerungssystem anzulegen. Aus dem trockenen Stück Land wurde ein blühender Park mit Seen, Springbrunnen und Wasserfällen. Das selbe Kunststück gelang Pückler dann noch einmal. Mit 60 Jahren zog er sich auf seinen lange vernachlässigten Besitz in Branitz zurück, den er in eine Parklandschaft verwandelte.

Auf dem Dachgarten der Bundeskunsthalle wird die Pückler’sche „Garten-Grammatik“ mit Hilfe von insgesamt 42.000 Blumen und original Bäumen aus dem Muskauer Park lebendig. Zudem wurde ein Wasserbassin mit Insel angelegt.

www.bundeskunsthalle.de

 

Poppige Fotogramme aus der DDR

Farbfoto-Pionier Schröter im LVR-Landesmuseum Bonn

In der DDR war doch nicht alles grau. Im LVR-Landesmuseum Bonn lernte ich, dass DDR-Fotograf Wolfgang G. Schröter (1928-2012) einer der Pioniere der Farbfotografie war. Die Deutsche Fotothek in Dresden verwaltet seinen Nachlass und hat nun für die Bonner Ausstellung „Wolfgang G. Schröter – Das große Color-Praktikum“ lange im Archiv versunkene Prints und Negative hervorgeholt.

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Was gibt’s zu sehen?

Insgesamt präsentiert die Ausstellung 70 Prints und Negative des DDR-Fotografen und Pioniers der Farbfotografie. Viele der Arbeiten sind erstmals seit Jahrzehnten wieder zu sehen.

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Ungewöhnlich sind vor allem 13 lebensgroßen, farbenfrohen Fotogramme von Körpern. Die Arbeiten gelten als die weltweit ersten kameralosen Pseudosolarisationen in Farbe. Dafür legte Schröter seine Modelle direkt auf große Filmbahnen, die er dann belichtete. Anschließend arrangierte er die Bilder übereinander und fotografierte erneut. Das Ergebnis ist ein buntes Gebilde aus Körpern. Die Fotografien entstanden für den Stand des DDR-Filmherstellers Orwo auf der Kölner Messe Photokina. Im Landesmuseum werden die Arbeiten wie auf der Messe hinterleuchtet präsentiert.

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Schröter zählte zur ersten Nachkriegsgeneration professioneller Farbfotografen in Deutschland. Seine avantgardistischen Arbeiten haben keinen dokumentarischen Charakter. Vielmehr experimentierte er und entwickelte teilweise ungewöhnliche Verfahren.

Seine Ausbildung bekam Schröter 1949 als einer der ersten Nachkriegs-Studenten am Institut für Farbenfotografie der Akademie für Grafik und Buchkunst in Leipzig. In den 50er Jahren etablierte er sich als freier Bildjournalist und Farbfotograf. Besondere Arbeitsmöglichkeiten hatte er durch seine Aufträge für international operierende fotooptische Unternehmen der DDR wie Agfa/Orwo und Carl Zeiss in Jena. Seine Farbaufnahmen waren für Werbedruckschriften, Zeitschriften und auf Messeständen gefragt, um die DDR zu repräsentieren. Denn sie entsprachen der Ästhetik der westlichen Industriefotografie.

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Das Landesmuseum will übrigens weiterhin jedes Jahr eine Foto-Ausstellung mit verborgenen Beständen aus  Archiven zeigen. Die Schröter-Schau ist die zweite Foto-Ausstellung dieser Serie in Kooperation mit der Fotothek und der Stiftung F.C. Gundlach.

Große und bunte Wände

Fernand Léger im Museum Ludwig in Köln

Das Museum Ludwig in Köln zeigt den bekannten französischen Maler Fernand Léger von einer bislang weniger beachteten Seite: Im Mittelpunkt steht seine Auseinandersetzung mit der Architektur und die Gestaltung von Raum durch Wandmalereien.

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Fernand Léger (1881-1955) musste sich mächtig ins Zeug legen, damit er seine Vorstellungen von Raumgestaltung umsetzen konnte. Zwei Jahre lang suchte der Maler nach der passenden Wand für seine Bildidee zu „Les Plongeurs“ (Die Taucher). Schließlich ermöglichte ihm der US-Architekt Wallace K. Harrison, das Wandgemälde 1942 in seinem Haus auf Long Island umzusetzen. Heute gehört das Werk „Les Plongeurs“ zur Sammlung des Museum Ludwig in Köln und ist Herzstück einer Ausstellung, die sich mit Légers Auseinandersetzung mit dem Raum beschäftigt. Dieses für Léger sehr zentrale Thema werde damit erstmals in einer Ausstellung beleuchtet und zeige eine neue Facette des Künstlers, sagt Museumsdirektor Yilmaz Dziewior.
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Was gibt’s zu sehen?

Unter dem Titel „Fernand Léger. Malerei im Raum“ sind in Köln insgesamt 170 ab 1920 entstandene Werke zu sehen, die die Auseinandersetzung Légers mit der Architektur dokumentieren. Darunter sind neben Wandgemälden auch ausgewählte frühe Arbeiten in den Bereichen des experimentellen Films, Grafikdesigns, Wand- und Bodenteppich-Entwürfe sowie Kostüm- und Bühnenbildentwürfe. Leider durften viele Bilder nicht fotografiert werden.

Immerhin: „Les Plongeurs“ war für Fotografen freigegeben. Das Bild gab den Anstoß für diese Ausstellung zum 40. Jubiläumsjahr des Museums Ludwig. Das Sammlerehepaar Ludwig hatte es für den 1986 eröffneten Neubau des Museums erworben. Léger hatte das Bild in dem runden Wohnraum von Harrisons Haus gemalt. Dass er damals verzweifelt nach einer Wand suchte, auf die er malen durfte, hing wohl auch damit zusammen, dass er keine bezahlten Aufträge ausführen durfte. Er war aus dem von Nazi-Deutschland besetzten Frankreich geflohen, wo er als entarteter Künstler galt, und befand sich in den USA im Exil. Dort durfte er zwar in Harvard lehren, aber keine Bilder verkaufen.

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Die Ausstellung stellt „Les Plongeurs“ eine Reihe weiterer großformatiger Wandmalereien Légers zur Seite, die teilweise nur selten gezeigt oder kaum ausgeliehen werden. Da ist zum Beispiel das riesige Wandbild, das Léger für die Mailänder Triennale 1950/51 schuf. Im Musée National Fernand Léger im südfranzösischen Biot liegt das monumentale Werk normalerweise im Archiv, weil es nicht an die dortigen Wände passt. Im Museum Ludwig geht das farbige Werk mit seinen biomorphen Formen einen perfekten Dialog mit „Les Plongeurs“ ein. Die Taucher sind das einzige in Schwarz-Weiß gehaltene Wandgemälde Légers. Er hatte auf Farbe verzichtet, um den relativ kleinen Wohnraum in Harrisons Haus nicht zu erdrücken.

 

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Ein weiteres Werk, das für die Kölner Schau aus einem Archiv herausgeholt wurde, ist ein Kamin-Wandgemälde aus dem Apartment Nelson A. Rockefellers. Es war im Archiv in Vergessenheit geraten und wird nun zum ersten Mal gezeigt. Empfangen wird der Besucher gleich zu Beginn der Schau mit dem Wandbild „Le Transport de Forces“ (Kraftübertragung), das Léger für die Pariser Weltausstellung 1937 anfertigte. Erst vor drei Monaten stand fest, dass das empfindliche Bild aus Paris nach Köln kommen konnte. Denn für die Finanzierung des aufwendigen Transports musste ein Sponsor gefunden werden.

Die Ausstellung beginnt jedoch mit Werken Légers aus den 20er Jahren, die zeigen, wie er sich an das Thema Architektur und Raum herantastete. Als gelernter Architekturzeichner hatte der Künstler von Anfang an einen Blick für räumliche Verhältnisse. Und er strebte danach, die Kunst mit der Architektur zu verbinden. „Er hatte die für die Zeit typische Einstellung, dass Kunst das Leben der Menschen verbessern kann“, sagt Baudin. Zunächst entwarf er Kulissen, etwa für das Ballet suédois und für den Stummfilm „L Inhumaine“. Dann drehte er 1924 gemeinsam mit Man Ray und Dudley Murphy seinen ersten eigenen Film „Ballet méquanique“. Die Filme sind gleich zu Beginn der Schau auf großen Leinwänden zu sehen.

Die Ausstellung lässt nachverfolgen, wie Léger seine Kunst nach und nach immer weiter in den Raum ausdehnte. Wandgemälden ohne konkreten Bestimmungsort folgen Entwürfe für die Pavillons großer Ausstellungen wie die Kunstgewerbeschau in Paris 1925 oder die Weltausstellung 1937. Als Künstler arbeitete er mit zahlreichen bekannten Architekten zusammen, die seine Werke zum Teil in ihre Bauten integrierten, so etwa Le Corbusier, Carlos Raul Villanueva oder Charlotte Perriand. Sogar für zwei Kirchen entwarf Léger Mosaike und Fenster, obwohl er selbst Atheist ist. Doch es sei ihm in erster Linie darum gegangen, den öffentlichen Raum zu verschönern, sagt Baudin. Und das sei eine Kirche ja schließlich.

Wie ein verrückter Traum

Escher-Ausstellung im Max Ernst Museum Brühl

Der niederländische Grafiker Maurits Cornelis Escher (1889-1972) galt in den 70er und 80er Jahren als Popstar der bildenden Kunst. Das Max Ernst Museum in Brühl wirft nun einen frischen Blick auf sein Werk und überträgt seine Techniken in die virtuelle Realtität des Computerzeitalters.

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Relativität (1953)

Was gibt’s zu sehen?

Es sind Bilder wie aus einem verrückten Traum: Da laufen Menschen die Treppen hoch und runter. Aber sie werden nie oben noch unten ankommen, weil oben zugleich unten ist und umgekehrt. Dort krabbeln Ameisen unendlich auf einem Möbiusstreifen und ein Wasserlauf strömt entgegen der Schwerkraft hinauf. Diese Bilder machten Maurits Cornelis Escher in den psychedelisch angehauchten 70er Jahren bekannt. Seine Grafiken wurden als Plakate und Postkarten verkauft und erschienen auf Plattencovern. Mit einer Retrospektive hebt das Max Ernst Museum Brühl ab Sonntag den etwas aus der Mode geratenen Künstler so zu sagen in eine neue Dimension.

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Möbiusstreifen II (1963)

 

Verwirrende Perspektiven

Bis zum 22. Mai zeigt die Ausstellung „M.C. Escher“ 110 Holzschnitte, Lithographien und Zeichnungen. Lange war Eschers Werk in Deutschland nicht mehr so umfassend zu sehen. Zuletzt zeigte das Osthaus Museum in Hagen 2009 Werke des Grafikers. Davor war er zuletzt 1969 in Bonn zu sehen. Nun befreit das Max Ernst Museum die Werke Eschers von dem Staub der 70er und 80er Jahre und demonstriert, wie aktuell seine optischen Täuschungen heute noch sind.

In einem Gaming-Bereich können die Besucher nämlich virtuell in die Welt Eschers eintauchen und mit seinen grafischen Tricks experimentieren. Dort wird deutlich, dass moderne Computerspiele die Fortsetzung der Escher-Welten sind, in denen physikalische Gesetze aufgehoben sind. Neben bekannten Computerspielen wie Monument Valley oder The Bridge entwickelte das Museum zusammen mit dem Cologne Game Lab das neue Spiel „The Impossible Room“ in Anlehnung an Eschers Werk. Mittels einer Brille können die Besucher in einer virtuellen 360°-Umgebung in einen Raum eintauchen, in dem physikalische Gesetze aufgehoben werden.

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Zeichnen (1948)

 

Escher selbst machte sich offenbar nie Gedanken über die Aktualität seines Werkes. Die Vereinnahmung seiner Arbeiten, etwa durch psychedelische oder esoterische Kreise in den 70er Jahren sei ihm nicht recht gewesen, sagt Museumsdirektor Achim Sommer. „Er war ein bescheidener Mann, der ganz auf seine Kunst konzentriert war.“ Kunsthistoriker hatten oft Schwierigkeiten mit dem Grafiker, weil er keiner Kunstströmung zuzuordnen ist. Dennoch lassen sich in seinem Werk Parallelen zum Surrealismus erkennen.

Seine Anregungen holte sich Escher aus der Mathematik. Grundlage seiner Bilder waren etwa geometrische Figuren wie die unendlich fortlaufende Penrose-Treppe oder der Möbiusstreifen. Seine Motive waren häufig inspiriert von süditalienischen Landschaften, die er bereiste und von der Ornamentik der Alhambra im spanischen Granada, die er mehrfach besuchte.

 www.maxernstmuseum.lvr.de

Zeitlos schön

Bauhaus-Design in der Bundeskunsthalle in Bonn

Diese Möbel, Lampen oder Teeservice könnte man gleich aus dem Museum mit in sein Wohnzimmer nehmen. Niemandem würde auffallen, dass sie fast 100 Jahre alt sind. Es ist kaum zu glauben, wie aktuell das Design der 1919 gegründeten Bauhaus-Schule bis ist. Die Ausstellung in der Bundeskunsthalle mit dem Titel „Bauhaus. Alles ist Design“ zeigt bis zum 14. August, wie Gropius, van der Rohe und Co die Ästhetik von Alltagsgegenständen revolutionierten.

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Die Wagenfeld-Lampe von 1923

Sie ist so etwas wie ein geheimer Code des guten Geschmacks: Die berühmte Wagenfeld-Lampe. Mehr als 90 Jahre nach ihrer Erfindung wird sie immer noch hergestellt und steht nach wie vor in deutschen Wohnzimmern. Die 1923 von Wilhelm Wagenfeld entworfene Leuchte wurde zu einem Markenzeichen des Bauhaus-Stils. Und warum der bis heute modern ist, zeigt die Ausstellung in der Bundeskunsthalle.

 

Was gibt’s zu sehen?

Natürlich sind die berühmten Designer-Stücke aus dem Bauhaus in Hülle und Fülle zu bewundern: Der Clubsessel von Marcel Breuer aus Stahlrohr – nicht wie später vielfach nachgeahmt mit schwarzem Leder, sondern mit Eisengarn bespannt. Da sind silberne Tee- oder Kaffeeservice in schlichter, moderner Form oder eben die berühmte Wagenfeld-Lampe alternativ mit Metall- oder Glasfuß und einem kuppelförmigen weißen Glasschirm. – Gegenstände von zeitloser Schönheit, die heute manchmal als Statussymbole in gut betuchten Haushalten zu finden sind.

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Der berühmte Klubsessel von Marcel Breuer

 

Design für alle

Dabei entspricht das gar nicht den ursprünglichen Ideen der Bauhaus-Väter. Das Ziel war eigentlich, gut gestaltete Alltagsgegenstände für alle zu schaffen. Der Gegenstand solle „seinem Zweck dienen, das heißt seine Funktionen praktisch erfüllen, haltbar, billig und schön sein“, formulierte Bauhaus-Gründer Walter Gropius den Anspruch. Die Ausstellung wolle mit vielen Klischees aufräumen, sagt Kuratorin Jolanthe Kugler. „Das Bauhaus ist mehr als Stahl, Glas und Flachdach.“ Vielmehr seien die Bauhaus-Künstler von dem Gedanken getrieben worden, dass Gestaltung das ganze Leben bestimme. „Sie waren der Meinung, dass Gestaltung die Welt verändern kann.“

Es ging also um weit mehr als um eine neue Ästhetik. Vielmehr war die in Weimar gegründete Schule ein soziales Experiment. Gropius versammelte unterschiedliche Künstler-Persönlichkeiten, die „in produktiver Uneinigkeit“ demokratisch zusammenarbeiten sollten. Am ersten Standort Weimar und später in Dessau und Berlin bis zur Auflösung der Schule unter den Nationalsozialisten 1933 waren berühmte Künstler und Architekten wie Wassily Kandinsky, Lyonel Feininger, Paul Klee, Laszlo Moholy-Nagy oder Ludwig Mies van der Rohe an der Schule tätig.

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Verbindung zwischen Kunst, Handwerk und Technik

Die zweite revolutionäre Idee der Bauhaus-Gründer war es, den Widerspruch zwischen Kunst und Technik zu überwinden. Deshalb arbeiteten am Bauhaus sowohl Künstler als auch Handwerker. Die Lehrpläne dokumentieren, dass die Schüler sowohl künstlerischen Unterricht erhielten als auch praktische Fähigkeiten wie Töpfern, Weben oder Metallverarbeitung lernten.

Ziel war es, Gegenstände zu entwerfen, die sich auch für die neuen Methoden der industriellen Produktion eigneten. Allerdings wurde Künstlern und Schülern zunächst die Freiheit gelassen, zu experimentieren und die Grenzen des Materials auszuprobieren. Deshalb hielt sich der wirtschaftliche Erfolg des Bauhauses auch in Grenzen. Erfolgreich waren weniger die heute bekannten Stahlrohrstühle, sondern vielmehr Holz-Spielzeug, das sich an den Ideen den Reformpädagogen Friedrich Fröbel orientierte: Etwa bunte Holzsteckspiele oder Schachspiele. Auch dezent gemusterte Tapetenentwürfe aus dem Bauhaus wurden industriell produziert.

Zwischen silberner Teedose und Hartz IV-Stuhl

Die Ausstellung zeichnet ein differenziertes Bild des Bauhauses, wie es selten wahrgenommen wird. Da sind zum einen die durchaus bürgerlichen Tendenzen: Silberne Mokka-Service und Teedosen sind kaum für die Massenproduktion geeignet. Andererseits beschäftigte sich Gropius‘ Nachfolger, der Architekt Hannes Meyer, mit der Idee der Gestaltung einer „Volkswohnung“ für Menschen mit minimalem Einkommen.

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Direktorenhaus Gropius 1926

 

 

Wie aktuell diese Ideen sind, zeigt die Schau, indem sie den Bauhaus-Stücken Werke heutiger Gestalter gegenüberstellt. Der „24 Euro Stuhl“ aus Van Bo Le-Mentzels „Hartz IV-Möbel“ transportiert den Bauhaus-Ansatz Meyers in die Gegenwart. Aber auch Beiträge von Designern wie Hella Jongerius und Opendesk, Lord Norman Foster, Enzo Mari, Marcel Wanders, Unfold und eine eigens für die Ausstellung entstandene Arbeit von Olaf Nicolai demonstrieren, wie sehr die Konzepte des Bauhauses heutige Gestalter immer noch beeinflussen.

Auch heute sähen sich Designer wieder mit ganz ähnlichen Fragen konfrontiert wie die Bauhaus-Künstler, sagt Kugler. Die Digitalisierung und neue Produktionsformen erforderten ein neues Denken. Für die Kuratorin steht deshalb fest: „Das Bauhaus ist kein abgeschlossenes Ding.“ Als das, was es sein wollte, nämlich eine Experimentierplattform, lebe es weiter.

www.bundeskunsthalle.de

Das Leben – ein Tanz

Pina Bausch  – Die Bundeskunsthalle würdigt die Choreografin mit einer Ausstellung

Kann man Tanz im Museum ausstellen? Ja – das geht! Wie, das zeigt die Bundeskunsthalle in Bonn mit einer Schau über die Tänzerin und Choreografin Pina Bausch (1940-2009). Sie gilt als Pionierin des modernen Tanztheaters und als eine der einflussreichsten Choreografinnen des 20. Jahrhunderts.

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Pina Bausch tanz ein Solo in „Danzón“

 

Die Frau bewegt sich so geschmeidig und elegant wie die überdimensional großen Schleierschwänze im Hintergrund. Pina Bausch empfängt die Besucher in der Bundeskunsthalle gleich zu Beginn selbst auf einer riesigen Leinwand, wo sie mit den Goldfischen gleichsam schwerelos wogt und schwebt.

Sie habe die Gefühle aus ihrer Umgebung mit in ihre Stücke aufgenommen, sagte Bausch einmal. Die Wirklichkeit auf die Bühne ihres Wuppertaler Tanztheaters zu holen, war ihre Mission. Wie es Bausch gelang, eine völlig neue Art des Tanzes zu schaffen, zeigt die Bundeskunsthalle bis zum 24. Juli in einer ungewöhnlichen Ausstellung.

Was gibt’s zu sehen?

„Wir zeigen, was auf der Bühne nicht zu sehen ist.“ So drückt es  Co-Kurator Salomon Bausch, Vorstand der Pina Bausch Foundation und Sohn der Tänzerin, aus. Bundeskunsthallen-Chef Rein Wolfs beschreibt es so: „Es ist eine performative Ausstellung, die Dokumentation und Action miteinander verschränkt.“

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Der nachgebaute Probenraum „Lichtburg“

Herzstück der Schau ist ein Nachbau des Probenraums „Lichtburg“. Dort steht ein Klavier, es gibt Kleiderstangen mit Kostümen, einen einfachen langen Holztisch, Ballettstangen und schwarze Stühle. „Extrem gut gelungen“, findet Salomon Bausch. Sogar der Stoff für die Wandbespannung sei originalgetreu. Hier findet echter Tanz statt: Performances, Tanzaufführungen und Proben für Bausch-Stücke, unter anderem auch vom Wuppertaler Tanztheater.

Aber auch die Besucher selbst können in dem nachgebauten Probenraum aktiv werden. Fast jeden Tag gibt es 30-minütige „Warm-ups“ mit aktiven oder ehemaligen Mitgliedern des Wuppertaler Tanz-Ensembles. Es sind kleine Trainings, die keine Vorkenntnisse verlangen, aber einen ersten Eindruck in die choreografischen Techniken Bauschs vermitteln. Getanzt wird zum Beispiel eine ihrer choreografischen Formen wie die berühmte „Nelken-Reihe“.

Die Workshops bieten eine physische Erfahrung dessen, was die um den Probenraum herum gruppierte Ausstellung in Dokumenten und Filmen darstellt. Pina Bausch selbst begegnet der Besucher gleich beim Eintritt in die Ausstellungshalle: In einer Videoinstallation sieht man sie als Tänzerin vor einer Projektion überlebensgroßer Schleierschwänze, die im Wasser auf und ab schweben. Bausch scheint durch ihre Bewegungen gleichsam mit dem Goldfischgetümmel hinter ihr zu verschmelzen.

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Pina Bausch als junge Tänzerin

Die Ausstellung beginnt dann chronologisch mit Bauschs Ausbildung an der Essener Folkwangschule und der Juilliard School in New York. Auch aus dieser Zeit gibt es zahlreiche Fotografien und Filmmaterial. Auf im Kreis angeordneten Fernsehbildschirmen kann der Besucher auch Ausschnitte früher Stücke wie etwa „Café Müller“ (1978) sehen. Die Kulisse dieses Stückes ist zugleich nachgebaut und lädt mit ihren schwarzen Stühlen und Café-Tischen zum Verweilen.

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Aufführung des Bausch-Stückes „Vollmond“

Das Ensemble spielte bei Bauschs Arbeit immer eine besondere Rolle. „Es liegt mir am Herzen, dass man diese Menschen auf der Bühne wirklich kennenlernen kann“, sagte sie. „In den Stücken ist jeder ganz er selbst; niemand muss etwas spielen.“ Die Ausstellung widmet sich daher nicht nur der Person Pina Bausch, sondern auch den Compagnie-Mitgliedern, die mit zahlreichen Fotos vorgestellt werden. Im XXL-Format bekommt man die Tänzer auch in Aktion zu sehen. Aufnahmen von Aufführungen der vergangenen 40 Jahre von allen Bausch-Stücken werden auf sechs wandhohen Leinwänden gezeigt.

Nicht immer stießen Bauschs Stücke beim Publikum auf Begeisterung. Zum einen verwandte sie auf der Bühne häufig Naturmaterialien wie Steine oder Laub. Ihre Tänzer wateten auch schon einmal durch Wasser oder Torf. Zum anderen wurden ihre Stücke von manchen Zuschauern auch nicht als Tanz empfunden. Bausch strebte aber nie danach, auf der Bühne eine schöne Scheinwelt darzubieten. Sie wollte „zeigen, was wirklich ist“.

Es gehe ihr darum, für das Leben eine Sprache mit Bewegungen, Bildern und Worten zu finden, sagte Bausch 2007 in ihrer Rede anlässlich der Verleihung des renommierten Kyoto-Preises. Tanz habe für Bausch schon mit der Körpererfahrung und mit dem Atmen begonnen, sagt Co-Kuratorin und Tanzwissenschaftlerin Miriam Leysner. Ihr Wunsch: „Vielleicht haben die Besucher ja nach der Ausstellung ein viel breiteres Verständnis von Tanz.“

 www.bundeskunsthalle.de

Dada ist wieder da!

Ausstellung zum 100. Jubiläumsjahr des Dadaismus im Arp Museum

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Hans Arp, Tristan Tzara und Marcel Janco in Zürich
Vor 100 Jahren wütete der Erste Weltkrieg. Mittendrin die kleine, neutrale Schweiz als friedliche Insel – und eine Gruppe europäischer Immigranten, die die Kunst revolutionierten.Hans Arp, Hugo Ball, Emmy Hennings, Richard Huelsenbeck, Marcel Janco und Sophie Taeuber-Arp probten ab Februar 1916 in der Züricher Künstlerkneipe Cabaret Voltaire den Abgesang auf die bürgerliche Gesellschaft und ihren Wertekanon: Dada war geboren. 100 Jahre später zeigt das Arp Museum Rolandseck eine Jubiläumsschau unter dem Titel „Genese Dada. 100 Jahre Dada Zürich“. 

Braven Züricher Bürgern muss das im Februar 1916 gegründete Cabaret Voltaire in der Spiegelgasse 1 wie ein Irrenhaus erschienen sein: Vor allem dann, wenn Hugo Ball, Tristan Tzara, Richard Huelsenbeck oder Hans Arp teilweise mehrstimmig lautmalerische Gedichte vortrugen. Welchen Sinn sollte man aus „zimbim urullala zimbim“ oder ähnlichem Gestammel ausmachen? Die Nachbarn beschwerten sich bald über den Lärm. Dass hier eine bedeutende Künstlerbewegung entstand, glaubten damals wohl nur wenige.

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Hugo Ball im kubistischen Kostüm
Die Dada-Gründer hatten angesichts der Absurdität des Krieges genug von traditionellen Kunstformen. Sie wollten einen Paradigmenwechsel. So warfen sie traditionelle künstlerische Verfahren über Bord und ersetzten sie durch meist zufallsgesteuerte Aktionen. Dada umfasste nicht nur bildende Kunst, sondern auch Tanz, Theater und Lesungen. Damit gelten die Dada-Künstler als Vorläufer und Vorbild heutiger Performance-Kunst.

Was gibt’s zu sehen?

100 Jahre nach der Gründung des Cabaret Voltaire wird der Dadaismus bis zum 10. Juli mit einer Ausstellung im Arp Museum gefeiert. Unter dem Titel „Genese Dada. 100 Jahre Dada Zürich“ zeigt die Schau neben Arbeiten der Hauspatrone Hans Arp und Sophie Taueber-Arp unter anderem Werke von Paul Klee, August Macke, Pablo Picasso und Giorgio de Chirico. Ihre Bilder hingen damals an den Wänden des Cabaret Voltaire. „Nicht so schön gerahmt wie heute, sondern vielleicht teilweise nur festgenagelt“, sagt Adrian Notz, Direktor des immer noch existierenden Cabaret Voltaire in Zürich, der die Schau mitkonzipiert hat.

Cabaret Voltaire – Keimzelle des Dada

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Die Spiegelgasse rekonstruiert in der Ausstellung

Die Atmosphäre in der Keimzelle des Dada, dem Cabaret Voltaire, versucht das Arp Museum so gut es geht an den Rhein zu holen. Bereits auf dem Weg in die oberste Ausstellungsetage des Neubaus gibt es im Aufzug Dada-Kostproben. In einem Kubus können die Besucher die Künstlerkneipe im Kleinformat betreten. Ein schwarzes, abgewetztes Klavier auf einer Holzbühne darf von den Besuchern bespielt werden. Aus Lautsprechern erklingt jedoch auch eine Toncollage, die die Atmosphäre im Cabaret Voltaire nachempfindet: Klaviermusik, Stimmen und gelegentlich ploppt ein Korken aus einer Weinflasche.

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Max Oppenheimer: Der Weltkrieg

An den Wänden hängen vor 100 Jahren wie heute Kunstwerke. Damals soll Mit-Gründer Hans Arp wohl gelegentlich mit ein paar Picasso-Bildern unterm Arm ins Cabaret Voltaire geschlendert sein. Heute sind  einige der Bilder wieder vereint. Nur, dass diese heute sorgfältig gerahmt und mittlerweile ein Vermögen wert sind: Hans Arps Collagen und organisch-abstrakte Holzschnitte, Picassos „Mann mit Hund“ oder Max Oppenheimers „Der Weltkrieg“.

Ein zweiter Kubus in der Ausstellung zeigt die Galerie Dada. Ein Kronleuchter und ein elektrisches Kaminfeuer stellen die Atmosphäre in der Züricher Wohnung nach, die die Dada-Künstler gemietet hatten, um ihre Werke zu verkaufen. Hier gelang dem Arp Museum der Coup, drei Originale wieder zu vereinen. Damals wie heute hängt Giorgio de Chiricos „Der Genius eines Königs“ über dem Kamin. Normalerweise ist das Bild heute im Museum of Modern Art in New York zu sehen. Eingerahmt wird es von Heinrich Campendonks „Landschaft mit zwei Tieren“ und Jacoba van Heemskercks „Landschaft“.

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Rekonstruierte Galerie Dada in der Ausstellung

Zürich war 1916 eine europäische Flüchtlingsmetropole, in der sich Intellektuelle aus ganz Europa trafen.  Die Ausstellung widmet sich auch dem intellektuellen Umfeld, in dem Dada entstand. Die Dadaisten beschäftigten sich zum Beispiel mit Nietzsche, Freud oder Einstein.

Leider zu abstrakt

Das allerdings bleibt leider etwas abstrakt. Die zahlreichen Einflüsse aus Wissenschaft und Literatur hat Cabaret Voltaire-Direktor Notz in akribischen Diagrammen festgehalten. Die haben selbst schon Kunstwerk-Charakter. Informativ sind sie aber nur, wenn man als Besucher schon Vorkenntnisse mitbringt. Aber der normale Besucher kommt doch, weil er etwas erfahren will und nicht, weil er schon Bescheid weiß. Immerhin sollen aber in der Ausstellung Studenten des Kunsthistorischen Instituts der Universität Mainz den Besuchern als Kunstvermittler zur Verfügung stehen. Und es gibt auch einen Film, in dem der Besucher einiges über Dada erfährt.

Zeitgleich zur Dada-Ausstellung findet im Arp Museum die Schau „Seepferdchen und Flugfische“ statt. Hier werden Werke von Stipendiatinnen und Stipendiaten des Künstlerhauses Balmoral und des Landes Rheinland-Pfalz gezeigt, die sich mit dem Dadaismus auseinandersetzen.

www.arpmuseum.org

 

 

Die geheime Ordnung im Chaos

Der Kölner Fotograf Boris Becker im LVR-Landesmuseum Bonn

Der Kölner Fotograf Boris Becker gilt als einer der wichtigsten deutschen Foto-Künstler der Gegenwart. (Und nein, er hat rein gar nichts mit dem Tennis-Star zu tun.) Seine Kamera deckt Strukturen auf, die dem Betrachter auf den ersten Blick nicht auffallen würden: Er macht die Ordnung im Durcheinander sichtbar.

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Kurmuschel

Eigentlich herrscht ja eine unglaubliche Unordnung: Halb abgerissene Gebäude stehen in der Landschaft, ein aufgeschnittener Schiffsrumpf liegt auf dem Trockenen und die Regale einer Küche quellen über mit Krimskrams. Auf den ersten Blick ist es eine ungeordnete Welt, die Boris Becker in seinen großformatigen Bildern festhält. Doch der Schein trügt. Die Arbeiten des 1961 geborenen Künstlers machen eine geheime Ordnung hinter dem Chaos sichtbar. Unter dem Titel „Staged Confusion“ sind die Bilder bis zum 20. März im LVR-Landesmuseum Bonn zu sehen.

Was gibt’s zu sehen?

Mit „inszeniertem Durcheinander“ übersetzt Becker das Thema der Schau, die rund 50 größtenteils in den vergangenen fünf Jahren entstandene Arbeiten zeigt. Becker, der ähnlich wie viele seiner Kollegen in der Vergangenheit auch in thematischen Serien gearbeitet hat, rückt mit der Bonner Schau von diesem Konzept ab. Die Bilder stammen aus unterschiedlichen Themenbereichen. Dennoch verbindet sie ein innerer Zusammenhalt durch den besonderen Blick des Künstlers auf die Dinge.

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Zeebrugge

Bildhauerische Leistung eines anonymen Ingenieurs

Beckers Kamera spürt dort Strukturen auf, wo auf den ersten Blick nur Durcheinander zu herrschen scheint. Völlig deplaziert wirkt aus der Nähe betrachtet ein quer aufgeschnittener Schiffsrumpf, der wie ein gestrandeter Wal in einer Werft in Zeebrugge liegt. Becker hatte einen Fernsehbericht über die Demontage des geborgenen Frachters gesehen, der bei einem Schiffsunglück im Ärmelkanal gesunken war. „Ich wusste sofort, das will ich fotografieren.“ Der Querschnitt durch den Rumpf zeigt bei genauerer Betrachtung die durcheinander gewirbelten „Innereien“ des Schiffs: In den Decks eingeklemmte Autowracks und ein Gewirr von Rohren und Leitungen. Mit etwas Abstand springt die Form des Kolosses ins Auge, die an der Seite, an der sich die Auswölbung des Kiels befindet, vor dem Hintergrund des blauen Himmels wie ein Pfeil in die Ferne hinaus aufs Meer zu zeigen scheint. „Die bildhauerische Leistung eines anonymen Ingenieurs“, findet der Fotograf.

 

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Syrien Aleppo

Aleppo und die Oper: Wie sich Bilder mit Bedeutung aufladen

Becker legt Wert darauf, den Betrachter nicht in eine Richtung zu drängen. „Meine Bilder sind völlig wertfrei.“ Dennoch erhalten sie manchmal eine Bedeutung, die der Fotograf gar nicht absehen konnte. Als Becker 2010 im Morgenlicht das Gewirr der Parabolantennen auf den Dächern der syrischen Stadt Aleppo fotografierte, konnte er nicht ahnen, dass die Stadt fünf Jahre später durch Kämpfe verwüstet sein würde. Heute ruft das Bild beim Betrachter sofort Gedanken an Krieg und Flüchtlingsproblematik hervor. Ähnlich ist es mit der Baustelle der Kölner Oper, die Becker 2013 fotografierte. Damals schien mit der Sanierung des Gebäudes noch alles nach Plan zu laufen. Heute ist die Baustelle Sinnbild für Kostenexplosion und Verzögerung eines städtischen Projekts.

 

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Opernhaus Köln

Spiel mit den Grenzen der Fotografie

Becker, der in den 80er Jahren Meisterschüler bei Bernd Becher an der Düsseldorfer Kunstakademie war, legt mit seinen Bildern Strukturen frei, die erst durch seine Kamera sichtbar werden. Doch der Fotograf stößt auch an die Grenzen des Mediums und spielt damit. So bei seiner Serie „Fakes“, für die er vom Zoll konfiszierte Gegenstände ablichtete, in denen Drogen geschmuggelt wurden. Die Bonner Schau zeigt daraus das Foto einer Festplatte. Das Durcheinander von Schaltkreisen war lediglich die Tarnung für eine Ladung Kokain, die der Zoll darunter entdeckte. Hier scheitere die Fotografie, sagt Becker. „Sie prallt an dem Gegenstand ab.“ Denn ohne Erklärung gibt das Bild keinerlei Aufschluss darüber, welchen Zweck die Festplatte erfüllte.

www.landesmuseum-bonn.lvr.de

 

Ein Weihnachtsbaum auf dem Nachttisch

Das Käthe Kollwitz Museum in Köln mit neuer Sammlungspräsentation

Heiligabend 1917: Zum vierten Mal stellt Käthe Kollwitz einen kleinen Weihnachtsbaum neben dem Bett ihres Sohnes Peter auf.

Das tut sie jedes Jahr, seit der 18jährige 1914 in den ersten Kriegstagen getötet wurde. Immer trägt der Baum so viele Kerzen wie Peter alt wäre. Ein trübes Weihnachtsfest, mitten im Krieg: Käthe Kollwitz hält die Stimmung in der Zeichnung „Eltern am Weihnachtsbaum“ wieder: Wie verkohlt steht das schwarze Gerippe des Baumes in der Mitte des Zimmers. Seine wenigen Kerzen schaffen es kaum, die dunkle Stube zu erhellen. Links und rechts sitzen der zusammengesunkene Vater und die mit leerem Blick starrende Mutter.

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Eltern am Weihnachtsbaum 1917

 

Was gibt’s zu sehen?

Die Weihnachtsszene ist eine der Zeichnungen, die das Käthe Kollwitz Museum in Köln für seine neue Sammlungspräsentation aus dem Depot ans Licht geholt hat. Unter dem Titel „…ich will wahr sein, echt und ungefärbt“ sind bis zum  3. Februar 200 Handzeichnungen, Druckgraphiken, Skulpturen und Plakate aus allen Schaffensperioden der Künstlerin zu sehen.

Käthe Kollwitz (1867-1945) wird ja vielfach Kitsch vorgeworfen. Ihre zahlreichen Darstellungen inniger Verbundenheit von Mutter und Kind, oder ihre Zeichnungen von armen Kindern in den Suppenküchen des Berliner Arbeiterviertels Prenzlauer Berg sind so manchem modernen Kunstliebhaber „zu dick aufgetragen“. Was heute einigen Betrachtern als Sozialromantik erscheinen mag, war aber zu Lebzeiten Käthe Kollwitz‘ ganz einfach Realismus. Die Künstlerin, die mit einem Kassenarzt verheiratet war, der viele arme Menschen behandelte, zeichnete schlicht das, was sie in ihrer Umgebung erlebte.

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Selbstbildnis 1924

 

Und sie war eine fabelhafte Zeichnerin. Die neue Präsentation der weltweit größten Kollwitz-Sammlung in Köln zeigt die gesamte Palette ihres Könnens: Eine umfangreiche Serie von Selbstporträts, die großen druckgraphischen Zyklen, durch die Käthe Kollwitz Weltruhm erlangte sowie ihre Arbeiterbildnisse, Plakate oder Flugschriften, die das soziale und gesellschaftliche Engagement der Künstlerin belegen. Außerdem werden zahlreiche Familienbilder und Mutter-Kind-Gruppen ausgestellt, für die Kollwitz bekannt wurde.

Einblick in die Entstehungsgeschichten

Das Besondere an der neuen Präsentation aber ist, dass sie die Entstehungsgeschichte von Werken nachvollziehbar macht. Museumsdirektorin Hannelore Fischer konnte dabei aus dem Vollen schöpfen. Denn die Sammlung umfasst zahlreiche Entwürfe und so genannte Zustandsdrucke, also Probearbeiten. Die Entwürfe neben den endgültigen Drucken zeigen, wie Kollwitz ihre Drucke immer wieder zunächst mit Deckweiß korrigierte und dann Änderungen vornahm.

So etwa bei der Serie „Tod, Frau und Kind“. Bereits 1910 bangte Kollwitz um das Leben des später gefallenen Sohnes, als er schwer an Diphterie erkrankt war. Ihre Zeichnungen und Radierungen zu diesem Thema zeigen Kind und Mutter mit aneinander geschmiegten Gesichtern und einen lauernden Tod, der das Kind mit sich fortzureißen droht.

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Schlafende mit Kind 1929

 

Doch Kollwitz betrachtet in ihren Bildern nicht nur den Tod, sondern feiert auch das Leben. Die Schwangerschaft ihrer Schwiegertochter Ottilie inspiriert sie zu der Serie „Maria und Elisabeth“. Damit nimmt sie Bezug auf den Bericht des Evangelisten Lukas von der mit Jesus schwangeren Maria, die ihre Verwandte Elisabeth besuchte. Diese war mit Johannes, dem späteren Täufer, schwanger. Zu diesem Thema zeigt das Museum gleich mehrere Holzschnitte und Vorzeichnungen, die die Entwicklung der Bildidee dokumentieren. In Kollwitz‘ Darstellung trägt Elisabeth deutlich ihre eigenen Gesichtszüge, während Maria Ottilie gleicht.

Fazit

Der Weg in die Sammlung lohnt sich. Vielleicht als Abwechslung zum Weihnachtsshopping? Denn das Museum liegt etwas versteckt über dem Einkaufszentrum am Neumarkt. Die Fahrt mit dem gläsernen Aufzug am Haus der Kölner Kreissparkasse in den vierten Stock lohnt sich.

 

Gefühle sind Tatsachen

Joan Mitchell (1925-1992) gilt nicht nur als eine der bedeutendsten Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts. Sie war auch eine faszinierende Persönlichkeit. Beides zeigt die Ausstellung im Museum Ludwig in Köln.

Wer kennt sie nicht, die großen Namen der pulsierenden New Yorker Kunstszene der Nachkriegszeit? Jackson Pollock, Willem de Kooning oder Mark Rothko sind allgemein bekannt. Doch was ist mit Joan Mitchell? Tatsächlich erzielen ihre Bilder inzwischen Preise in Millionenhöhe. Die Anerkennung einer breiten Öffentlichkeit blieb jedoch bis heute aus.

„Joan Mitchell hat nicht die Bedeutung, die sie verdient“, stellt der Direktor des Museum Ludwig, Yilmaz Dziewior, fest. Das, so hofft Dziewior, wird sich mit der Werkschau „Joan Mitchell“ ändern, die bis zum 21. Februar in dem Kölner Museum zu sehen ist.

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The sky is blue, the grass is green (1972)

Als Joan Mitchell 1950 nach New York zieht, weiß sie sehr schnell, was sie will: Franz Kline, Willem de Kooning, Jackson Pollock und Hans Hofmann hatten es ihr angetan. „Ich fand sie wunderbar“, erinnert sie sich später. Die junge Künstlerin ist fasziniert vom Abstrakten Expressionismus und schafft es, rasch in den Zirkel der so genannten New York School aufgenommen zu werden – als eine der wenigen Frauen. Dennoch zog sie Ende der 50er Jahre nach Frankreich, wo sie bis zu ihrem Tod lebte.

Was gibt`s zu sehen?

Ganz ehrlich: Viele Besucher werden di 29 großformatigen Gemälde Mitchells im Museum Ludwig als wildes „Krikelkrakel“ empfinden. Nicht selten wird der Satz fallen: „Das kann ich auch.“ Doch auf mich haben die Werke eine ganz eigene Faszination ausgeübt. Es ist eben nicht nur wildes Gepinsel. Allerdings ist schwer zu beschreiben, was das Berührende an diesen meterhohen abstrakten Gemälden ist. Joan Mitchell selbst lehnte es strikt ab, ihre Bilder in irgendeiner Form zu deuten, weil das, was dort ausgedrückt ist, nicht in Worte zu fassen sei. Mitchell malte nach eigenem Bekunden nur, wenn sie etwas fühlte. „Gefühle sind Tatsachen“, sagte sie einmal. Und diese Tatsachen existierten sichtbar nur als Bild.

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Ladybug (1957)

Die chronologisch aufgebaute Ausstellung empfängt den Besucher mit einem Schüsselwerk aus dem Museum of Modern Art: „Ladybug“ von 1957. Joan Mitchell malte das Bild nach einem Konzert von Billie Holyday und widmete es der Jazz-Sängerin. „Dies war eines der ersten Bilder mit eigener Handschrift“, sagt Dziewior, der die Ausstellung auch kuratiert hat. Anfang der 50er Jahre sind noch figurative Elemente in Mitchells Bildern zu entdecken, die mit ihren spitz zulaufenden Formen an den Expressionisten Ernst Ludwig Kirchner erinnern. In „Ladybug“ haben sich die figurativen Elemente in rhythmische Pinselstriche aufgelöst. Die Musik und vor allem der Jazz wird fortan eine wichtige Inspirationsquelle für Mitchell bleiben.

1959 zieht sich Mitchell aus der New Yorker Kunstszene zurück. Mittlerweile ist sie von ihrem ersten Mann, Barney Rosset, geschieden. Nach wiederholten Aufenthalten in Paris siedelt sie endgültig in die französische Hauptstadt über, wo sie mit dem Maler Jean-Paul Riopelle zusammenlebt. Ihre Maltechnik entwickelt sie weiter, indem sie die Farbe so verwischt, so dass nebelhaft wirkende Partien entstehen.

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Closed Territory (1973)

Als Mitchell 1967 von Paris nach Vétheuil aufs Land zieht,  wird die Natur verstärkt zur Inspirationsquelle. In „Closed Territory“ sorgen orange und blaue Flächen für einen fröhlichen Kontrast. In „A small garden“ dominiert freundliches Gelb. Die großzügigeren Platzverhältnisse in ihrem neuen Atelier ermöglichen es Mitchell zudem, ihre Formate noch einmal zu vergrößern. Sie malt riesige vierteilige Bilder. Vier davon zeigt die Schau in einem eigenen Raum, der genug Platz bietet, um die Tiefe der Bilder zur Geltung kommen zu lassen.

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Un jardin pour Audrey (1975)

Erstaunlich sind Mitchells letzte Bilder, die hell und luftig wirken mit leuchtenden Farben auf weißem Grund. Die Malerin war in dieser Zeit bereits schwer krank, gezeichnet von Alkoholismus, Arthritis und Krebs. Dennoch scheint sie die Freude am Leben und an der Malerei bis zuletzt nicht verlassen zu haben. Eines ihrer letzten Bilder heißt „Merci“: Vielleicht ein Dankeschön an ihre zweite Heimat Frankreich, denn das luftige Bild ist in den Farben der Tricolore gemalt.

Die Kölner Schau zeigt Mitchell nicht nur als Malerin, sondern widmet sich auch ihrer starken und schillernden Persönlichkeit. Ein Film und ein Interview geben Einblick in ihre Denkweise. Fotos und Korrespondenz mit Künstlern ihrer Zeit geben Einblick in ihr turbulentes Leben.

http://www.museum-ludwig.de