Neue Bilder von Richter

Er ist gerade 85 Jahre alt geworden und sprüht vor Energie: Gerhard Richter  zeigt im Museum Ludwig in Köln neue abstrakte Bilder in leuchtenden Farben.

Gerhard Richter hatte ursprünglich wohl wenig Lust auf großes Tamtam um seinen 85. Geburtstag. Als Yilmaz Dziewior, Direktor des Museum Ludwig, im Februar 2015 seinen Antrittsbesuch bei Gerhard Richter machte, zeigte dieser wenig Interesse an einer Geburtstags-Ausstellung. Er werde dann verreist sein, kündigte der Kölner Maler an. Die Museumsleute schickten sich deshalb an, die Ausstellung zu Ehren Richters mit Beständen aus der Sammlung auszurichten.

Doch dann, drei Monate vor Ausstellungseröffnung, die Wende: Richter bot dem Museum an, seine neusten Arbeiten zu zeigen. Die Kuratorin und stellvertretende Museumsdirektorin, Rita Kersting, eilte gleich am nächsten Tag in Richters Atelier in den vornehmen Stadtteil Köln-Hahnwald. „Ich war überrascht, diese Bilder zu sehen“, sagt sie. „Sie sind unglaublich facettenreich, vielschichtig und teilweise leuchtend farbig.“

Die 26 abstrakten Bilder unterschiedlichen Formats entstanden alle im vergangenen Jahr und sind ab Donnerstag im Museum Ludwig zu sehen. Unter dem Titel „Gerhard Richter. Neue Bilder“ werden bis zum 1. Mai zusätzlich auch etwa noch einmal ebenso viele frühere Werke gezeigt, größtenteils aus der museumseigenen Sammlung. Richter, der zu den weltweit gefragtesten Künstlern zählt, bestimmte die Anordnung der Bilder bis ins Detail selbst. Kein Wunder also, dass die Ausstellung biografische Züge trägt.

Doch es handelt sich mitnichten um die Rückschau eines greisen Mannes, der am Ende seines Schaffens steht. Die frisch aus dem Atelier ins Museum gebrachten, teils großformatigen abstrakten Bilder sprechen für eine enorme Vitalität. Die Gemälde entstanden durch den Auftrag zahlreicher Schichten Ölfarbe mit dem Rakel, einem Schaber: eine Technik, die den Zufall mit einbezieht. „Richter will damit erreichen, dass der Subjektivität des Künstlers möglichst wenig Raum gegeben wird“, erklärt Kersting.

Durch die Überlagerung zahlreicher, immer wieder aufgerissener Farbschichten wirken die Bilder plastisch. Bizarre Strukturen lassen an Landschaften, Wälder oder Gesteinsschichten denken. Als „fiktive Modelle“ bezeichnete Richter selbst seine abstrakten Gemälde. „Weil sie eine Wirklichkeit veranschaulichen, die wir weder sehen noch beschreiben können, auf deren Existenz wir aber schließen.“

Es sind die Zweifel an der Darstellbarkeit, die den am 9. Februar 1932 in Dresden geborenen Richter seit Anfang der 60er Jahre umtreiben. Schon bald nach seiner Flucht aus der DDR in den Westen 1961 begann er mit seinen fotorealistischen Bildern. Richter entwickelte das Abmalen von Fotografien als Strategie, der Subjektivität sowie künstlerischen Konzepten und Ideologien zu entgehen.

Der Sammler und Stifter Peter Ludwig habe in Richter die deutsche Antwort auf die amerikanische Pop Art gesehen, sagt Museumsdirektor Dziewior. Der Tatsache, dass Ludwig schon früh Richters Bilder ankaufte, verdankt das nach ihm benannte Kölner Museum einige berühmte Werke, die heute unerschwinglich wären.

Dazu zählt das Gemälde „Ema (Akt auf einer Treppe)“ (1966), das Richters erste Frau zeigt. Auch seine Tochter aus dieser Ehe, Betty, ist mit einem Gemälde von 1977 vertreten. Gleichsam den Schlusspunkt markiert das Bild seiner Tochter aus dritter Ehe, Ella, von 2014, auf das der Besucher am Ende der Ausstellung zuläuft.

Dazwischen leuchten die verschiedenen Facetten des vielschichtigen Werks auf. Für Richters Auseinandersetzung mit dem Faschismus etwa steht das Bild „Onkel Rudi“ (2000), das seinen Onkel, einen bekennenden Nationalsozialisten, in Wehrmachtsuniform zeigt. Seine Beschäftigung mit dem Linksterrorismus und der RAF spiegelt sich in einem Bild von Ulrike Meinhof (2015).

Immer wieder tauchen in Richters Werk auch Spiegel oder Glasscheiben auf, die dem Betrachter sein eigenes Bild als Momentaufnahme zurückwerfen. Auch diese Werkgruppe ist vertreten, etwa mit „11 Scheiben“ (2003). Ein weiteres Highlight: die monochromen „48 Porträts“ (1971/72) von Geistesgrößen für den Deutschen Pavillon auf der Biennale in Venedig.

Fotorealismus und Abstraktion, Geometrie und Geste: Die Kölner Ausstellung zeigt die Gegensätze. „Es bleibt etwas nicht Begreifbares am Werk von Gerhard Richter„, resümiert Dziewior. Dennoch, oder vielleicht gerade deshalb werden seine Bilder für Millionenbeträge, teils im zweistelligen Bereich, gehandelt.

Nach 200 Jahren wieder ein Paar

Kölner Wallraf-Richartz-Museum vereint hochkarätige Gemälde aus zwei Sammlungen

Die Sammlungen des Schweizer Kunstliebhabers Emil Bührle und des Wallraf-Richartz-Museum haben viel gemeinsam. Jetzt sind die beiden Konvolute erstmals nebeneinander zu sehen. Dabei kommt es zur ein oder anderen Wiedervereinigung.

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Claude Monet, Mohnblumenfelder bei Vétheuil

Sie waren Freunde und Konkurrenten: Nicht selten interessierten sich der damalige Direktor des Kölner Wallraf-Richartz-Museums, Leopold Reidemeister, und der vermögende Kunstsammler Emil Bührle in den 50er Jahren auf dem Kunstmarkt für die gleichen Werke. Zugleich schätzten sich die beiden Männer. Bei Besuchen Bührles in Köln tauschte man sich regelmäßig aus. Die beiden Kunstkenner hatten die gleichen Vorstellungen vom Aufbau ihrer jeweiligen Sammlungen. Kein Wunder also, dass sich in ihren Beständen zahlreiche verwandte Werke finden. Diese treffen nun in der Ausstellung „Von Dürer bis Van Gogh. Sammlung Bührle trifft Wallraf“ erstmals zusammen.

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Vincent Van Gogh, Die Zugbrücke

Zu sehen sind 64 Meisterwerke vom Spätmittelalter bis zum Kubismus, davon 33 aus der Sammlung Bührle. Im Mittelpunkt beider Sammlungen steht der Impressionismus und Nachimpressionismus. Darüber hinaus ermöglichen beide Konvolute jedoch auch einen vergleichenden Blick in die Kunstgeschichte, indem sie ihre Bestände des Impressionismus flankieren mit Werken französischer Kunst des 19. Jahrhunderts, niederländischer Meister des 17. Jahrhunderts und des Spätmittelalters.

Der Zeitpunkt, die berühmten Werke aus der Schweiz nach Köln zu holen, war günstig. Denn die Züricher Sammlung ist seit vergangenem Jahr bis zur Fertigstellung ihres neuen Ausstellunggebäudes 2020 geschlossen. So konnten viele Werke zusammengeführt werden, die einst zusammengehörten.

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Alfred Sisley, Regatta in Hampton Court
Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud, Koeln, WRM 2929, Alfred Sisley, Brücke bei Hampton Court
Alfred Sisley, Brücke in Hampton Court

 

 

 

 

 

 

 

Da hängen verschiedene Ansichten der provenzalischen Sommerlandschaft mit ihrem flirrenden Licht Seite an Seite, so wie sie auch in Paul Cézannes Atelier nebeneinander gestanden haben könnten. Zwei bezaubernde Fluss-Szenen Alfred Sisleys, die am gleichen Tag gemalt wurden, hängen nun erstmals Seite an Seite: Während auf dem Gemälde aus den Museumsbeständen die Brücke von Hampton Court im Morgenlicht zu sehen ist, zeigt das Gemälde aus der Sammlung Bührle den unmittelbar angrenzenden Flussabschnitt im rötlichen Licht des Spätnachmittags.

Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud, Koeln, WRM 2533, Albert Cuyp, Fischerboote
Albert Cuyp, Fischerboote
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Albert Cuyp, Gewitter über Dordrecht

 

 

 

 

 

 

 

Ein besonderes Zusammentreffen ist jedoch das der beiden Gemälde des niederländischen Meisters Aelbert Cuyp. Er hatte die „Fischerboote im Mondschein“ um 1645 als Pendant zum „Gewitter über Dordrecht“ gemalt. Bei einer Auktion wurden die Bilder getrennt und können nun erstmals seit mehr als 200 Jahren wieder gemeinsam betrachtet werden.

Neben den Varianten eines Motivs aus dem Pinsel ein und desselben Künstlers bietet die Ausstellung eine zweite interessante Vergleichsebene. So lässt sich die Entwicklung von Sujets über die Jahrhunderte hinweg betrachten. Da hängt etwa Pablo Picassos kubistisches „Blumenstillleben mit Zitrone“ (1941) neben dem meisterhaft detailgetreuen „Stillleben mit Römer und Zitrone“ (1632) des Niederländers Willem Claesz. Hedas. Paul Gaughins Gemälde “Die Opfergabe” (1902), das eine stillende Mutter zeigt, wird flankiert von zwei spätmittelalterlichen Mariendarstellungen. Und Odilon Rodons Kreuzigungsszene in Pastell von 1895 tritt in Dialog mit der spätmittelalterlichen Darstellung des Kreuztodes Christi durch den namentlich nicht bekannten Meister des Marienlebens.

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Pablo Picasso, Blumenstillleben mit Zitronen

 

In den 50er Jahren hatte sich Reidemeister manchmal geärgert, dass Bührle über finanzielle Mittel verfügte, bei denen der damalige Museumsdirektor nicht mithalten konnte. Doch der Direktor der Stiftung Bührle, Lukas Gloor, ist sicher: Heute hätte sich der durch die Herstellung von Rüstungsgütern zu Wohlstand gekommene Bührle “unheimlich gefreut”, wenn er die Bilder der beiden Sammlungen nebeneinander gesehen hätte.

Jubiläum mit vielen Fragen

Das Museum Ludwig in Köln feiert mit einer Sonderausstellung 40. Geburtstag

350 Werke zeitgenössischer Kunst bilden den Grundstock der Sammlung des Museum Ludwig. 40 Jahre ist es nun her, dass das Sammlerehepaar Ludwig der Stadt Köln diese wertvollen Werke schenkte. Das feiert das Museum mit einer Sonderschau, die auch kritische Fragen zulässt.

Guerrilla Girls, ML/G 2015/005/24, Museum Ludwig, Köln
Guerrilla Girls, ML/G 2015/005/24

Welche Kunst wird gezeigt?

Welche Kunst wurde und wird hier eigentlich gezeigt? Diese Frage stellen zum Beispiel die Künstlerinnengruppe Guerrilla Girls. „Müssen Frauen eigentlich nackt sein, um ins Museum zu kommen?“ Auf einem Plakat des Künstlerinnenkollektivs sieht man die gemalte Rückenansicht einer nackten Schönen zu sehen, die auf dem Kopf eine Gorillamaske trägt. Dieses Plakat der feministischen Gruppe gehört zur Sammlung des Museum Ludwig. Doch sind Künstlerinnen seit seiner Entstehung 1989 in den Ausstellungsräumen zahlreicher vertreten? Zum 40jährigen Jubiläum gehen die Guerrilla Girls der Sache auf den Grund. Und sie sind nicht die einzigen Künstler, die unbequeme Fragen stellen. Doch die Museumsleute haben es so gewollt. Denn die Ausstellung „Wir nennen es Ludwig“ soll mehr sein, als eine reine Jubelveranstaltung.

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Futuristisches Köln von Bodys Isek Kingelez

„Die Idee der Ausstellung ist, die Institution zu hinterfragen und einen distanzierten Blick auf das Museum zu werfen“, erklärt Museumsdirektor Yilmaz Dziewior. Gezeigt werden Werke von 25 internationalen Künstlern und Künstlerkollektiven, die einen Bezug zu dem Museum haben, darunter bekannte Namen wie Gerhard Richter, Rosemarie Trockel, Ai Weiwei oder Claes Oldenburg. Teilweise werden ältere Arbeiten gezeigt, viele Werke entstanden aber eigens für die Jubiläumsausstellung. Eine Best-Of-Show mit Promis der Kunst-Szene ist die Schau mitnichten. Man habe bewusst Künstler eingeladen, die als institutionskritisch bekannt seien, sagt Dziewior. „Wir wussten, dass sie auf die Schwachstellen hinweisen würden.“

Die Guerrilla Girls – ein Künstlerinnenkollektiv mit wechselnden Mitgliedern, die anonym bleiben – finden die Defizite mit Leichtigkeit. So weltoffen und pluralistisch wie es gerne sein würde, sei das Museum nicht, machen sie in ihrer Videoarbeit „Girlsplaining“ deutlich. Nicht nur Frauen sind unterrepräsentiert, sondern auch Künstler anderer Hautfarbe oder Herkunft. 14 Prozent der Kölner haben türkische Wurzeln, aber das Museum zeige nur einen türkischen Künstler, heißt es dort zum Beispiel.

Kritische Fragen zu Ludwig

Andere Künstler wie Marcel Odenbach oder Hans Haacke beschäftigen sich mit dem Sammlerehepaar Ludwig. Haacke ging bereits in den 80er Jahren der Unternehmensgeschichte des Museumsinitiators Ludwig auf den Grund, der sein Vermögen als Schokoladenfabrikant machte. Die 14-teilige Arbeit „Der Pralinenmeister“ liefert Informationen zu Steuervergünstigungen und zum Einfluss der Ludwig Stiftung auf Politik und Gesellschaft. Odenbach lässt Ludwig in seiner Videoarbeit „Ein Bild vom Bild machen“ zu Wort kommen und Stellung zu seinem Selbstverständnis als Kunstsammler beziehen.

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Ai Weiwei, Forever

Im Fokus anderer Künstler steht die Sammlung Ludwig. So stellt Ai Weiwei mit seiner Skulptur „Forever“ eine Verbindung zum „Roue de bicyclette“ (Fahrradrad) von Marcel Duchamp her. Ai Weiweis Skulptur besteht aus 42 aufeinander montierten Fahrrädern, die einen meterhohen Kreis bilden. Die Arbeit Duchamps, die im Dada-Raum der permanenten Sammlung des Museums steht, ist per Live-Schaltung auf einem Bildschirm zugegen.

Weltoffen und kölsch

Zwei Werke des Kölner Malers Michael Buthe aus der Museumssammlung rückt Ei Arakawa in den Fokus. Er lässt zwei LED-Wände die farbenfrohen Arbeiten des durch seine vielen Afrika-Aufenthalte inspirierten Künstlers reflektieren. Filmmaterial über Buthe und ein eigens produziertes Lied mit einem afrikanischen Musiker lassen ein leines Universum des porträtierten Künstlers entstehen.

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Georges Adéagbo

Bewusst zeigt die Jubiläumsausstellung sich weltoffen und holte Künstler aus verschiedenen Kontinenten an den Rhein. Damit wolle man der Globalisierung Rechnung tragen, die zu Zeiten der Entstehung der Sammlung Ludwig noch kein Thema war, sagt Dziewior. So rollt der aus Westafrika stammende Georges Adéagbo den Besuchern gleich zu Beginn der Ausstellung einen roten Teppich aus. Seine aus Kultobjekten, Alltagsgegenständen und Dokumenten bestehenden Installationen nehmen stets Bezug auf den Ausstellungsort. In diesem Fall steht Köln im Mittelpunkt, etwa in Form eines Plattencovers der Kölsch-Band Bläck Fööss oder eines von Jochen Schimmang herausgegebenen Köln-Lesebuchs.

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Ein Kölner Haus von Gerhard Richter

Die Kölner Seele findet in der Ausstellung ohnehin reichlich Nahrung. Vor allem der Raum mit Werken des seit Jahrzehnten am Rhein lebenden Gerhard Richter bietet poetische Szenerien zwischen den Mauern der Domstadt. Da ist das Herz Kölns, der Dom, allerdings als Ausschnitt einer „Domecke“. Die Geschichte der Stadt wird lebendig in der Luftaufnahme „14. Feb. 45“, die das zerstörte Köln hinter Glas zeigt. Bilder eines besetzten Hauses oder eine Demonstration spiegeln die politischen Auseinandersetzungen in den Straßen der Großstadt.

Lebensader Rhein

Zwei Ausstellungen über die Menschen am Rhein

Der Rhein hat sich schon immer wie eine Lebensader durch Europa gezogen. An seinen Ufern entfalteten sich Hochkulturen, es wurde gekämpft und gefeiert. Zeit, um sich einmal genauer anzusehen, was dieser Fluss in den vergangenen Jahrtausenden so alles erlebt hat. Das geschieht nun erstmals mit einer Doppelausstellung in der Bundeskunsthalle und im LVR-Landesmuseum Bonn.

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Johann Adolf Lasinsky, Der Rhein bei Koblenz-Ehrenbreitstein, 1828

„Der Rhein ist der Fluss, von dem alle Welt spricht und den niemand erforscht“, stellte der französische Schriftsteller Victor Hugo 1840 fest. Tatsächlich wurde der 1300 Kilometer lange Strom zwar von den Menschen an seinen Ufern als Wasserstraße, Grenze oder Wasserquelle genutzt. Doch eine umfassende Würdigung seiner historischen und kulturellen Bedeutung stand lange aus. Das dürfte sich mit den beiden Rhein-Ausstellungen in Bonn erledigt haben. Während die Bundeskunsthalle mit einer großen Sonderausstellung die erste „Biografie“ des Flusses nachzeichnet, zeigt das LVR-Landesmuseum den Rhein als Motiv der Fotogeschichte.

Unter dem Titel „Der Rhein. Eine europäische Flussbiografie“ verfolgt die Bundeskunsthalle die Geschichte des Stromes von der Prähistorie bis zur Gegenwart. Die chronologisch aufgebaute Ausstellung mit rund 350 Exponaten beginnt mit einem Rückblick auf die frühesten Zeugnisse des Lebens am Rhein. Zu sehen sind unter anderem zwei rund 14.000 Jahre alte Skelette, die ältesten Überreste anatomisch moderner Menschen in Deutschland, die in Bonn-Oberkassel gefunden wurden.

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„Zweihörniger Rhein“, röm. Grabmal, 2 Jh. n. Chr.

Die Grundlage für die späteren Festungen am Rhein, die Verwaltungszentren der mittelalterlichen Kaiser, die Klöster und die späteren Großstädte legten jedoch die Römer. Mit ihrer Ankunft am Rhein beginnen vor rund 2000 Jahren die Quellen und Zeugnisse dichter zu werden. Für die Römer hatte der Fluss sogar den Status einer Gottheit. Das bezeugt zum Beispiel seine Darstellung als Kopf mit zwei Hörnern auf einem Grabmal. Vergil hatte den Fluss in Anspielung auf seine gegabelte Mündung als „zweihörnigen Rhein“ bezeichnet.

Die Ausstellung schlägt von dort einen Bogen über die mittelalterlichen Kaiser-Festungen am Rhein, die napoleonische Zeit bis zur Bonner Republik. Zahlreiche Werke berühmter Künstler wie William Turner, Max Ernst, Joseph Beuys oder Anselm Kiefer dokumentieren die Bedeutung des Flusses in der Kunst und Geistesgeschichte Europas.

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Michael Lio, Rheinfall mit Kanzel und Springer, 2005

Im Verhältnis zum Rhein lässt sich auch immer wieder das gewandelte Selbstverständnis des Menschen durch die Jahrhunderte ablesen. So erscheinen die Menschen in Jakob Schalchs Gemälde „Josef II. beim Rheinfall“ winzig klein und ehrfürchtig vor der Naturgewalt des Wasserfalls. Der heutige Mensch hingegen springt selbstbewusst und wagemutig in die Fluten. So hielt es der Fotograf Michael Lio 2005 in dem Bild „Rheinfall mit Kanzel und Springer“ fest.

Seit den Anfängen der Fotografie ist der Rhein ein beliebtes Motiv. Das LVR-Landesmuseum nimmt das zum Anlass, die Geschichte der Fotografie anhand von Aufnahmen rund um den Fluss darzustellen. Die Ausstellung „bilderstrom. Der Rhein und die Fotografie 2016-1853“ zeigt 260 Fotografien aus rund 160 Jahren. Dabei nimmt sie den Besucher von der Gegenwart mit bis in die Zeiten der ersten Fotografien Mitte des 19. Jahrhunderts.

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Francis Frith, Lahnstein, vor 1864

Doch ist das Motiv des „Vater Rhein“ mittlerweile nicht reichlich abgegriffen? Schon 1995 hatte der der renommierte Kunstkritiker Klaus Honnef behauptet, der Fluss sei „zu Tode fotografiert“ worden. Kurator Christoph Schaden sieht das anders. Das vermeintlich todgeweihte Motiv sei „quicklebendig und wieder erstarkt ins Blickfeld einer neuen Fotografengeneration“ gerückt. Dass die zeitgenössische Fotografie tatsächlich neue und ungewohnte Blicke auf den Rhein liefere, liege auch an der digitalen Revolution, die die Ästhetik fotografischer Bilder verändert habe.

Albert Renger-Patzsch-KŸhe am Rhein (o.J.)
Albert Renger-Patzsch-Kühe am Rhein

Für die Aktualität des Rhein-Motivs spricht auch die berühmte digital bearbeitete Aufnahme „Rhein II“ des Düsseldorfer Künstlers Andreas Gursky, die 2011 mit einem Verkaufswert von rund drei Millionen Euro zeitweise zur weltweit teuersten Fotografie wurde. – Vielleicht ein Grund, warum keines der sechs Exemplare dieser Ikone der Rheinfotografie in die Ausstellung fand. Besucher, die zuvor in der Bundeskunsthalle waren, konnten dort aber zumindest das Vorläuferwerk „Rhein I“ sehen.

Ins Landesmuseum hat sich „Rhein II“ aber als Zitat eingeschlichen. Gursky hatte das Bild nämlich als Fotomotiv für ein Wahlplakat der rot-grünen Landesregierung in Nordrhein-Westfalen zur Verfügung gestellt. Max Regenberg fotografierte das am Rhein aufgestellte Plakat und nannte sein Foto dann augenzwinkernd „Rhein III“. Die Schau präsentiert darüber hinaus bis zum 22. Januar Fotografien von Henri Cartier-Bresson, August Sander, Chargesheimer, Barbara Klemm, Boris Becker, Nora Schattauer, Candida Höfer und Gerhard Richter.

www.bundeskunsthalle.de

www.landesmuseum-bonn.lvr.de

 

Komprimierter Raum

Der international bekannte spanische Bildhauer Jaume Plensa in Brühl

 Jaume Plensa verbindet digitale Technik und traditionelle Bildhauerei. Das Max Ernst Museum in Brühl zeigt aktuelle Werke des Spaniers.

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Isabella, 2015

 

Abgesehen von seiner Größe wirkt er auf den ersten Blick unspektakulär: Der 4,5 Meter große schwarze Mädchenkopf, der die Besucher seit Kurzem vor dem Max Ernst Museum in Brühl empfängt. Doch aus der Nähe wird deutlich: Mit der riesigen Stein-Skulptur stimmt etwas nicht. Das Gesicht ist seltsam in die Länge gezogen. Und wenn man sie umrundet, stellt man fest, dass die Skulptur, die eben noch so plastisch wirkte, flach zusammengepresst ist. „Ich wollte das Volumen so komprimieren, dass es fast verschwindet, wenn Sie daran vorbeigehen“, erklärt der Künstler zufrieden, während er sein Werk umschreitet.

Plensas Skupturen spielen mit dem Wechsel aus Gegenwart und Abwesenheit, Eindeutigkeit und Rätsel. Unter dem Titel „Jaume Plensa – Die innere Sicht“ zeigt das Max Ernst Museum bis zum 15. Januar eine kleine, aber feine Auswahl von Werken des 1955 geborenen Katalanen. Plensa, der zu den bedeutendsten Bildhauern der Gegenwart zählt, ist bekannt für seine großformatigen Skulpturen aus Glas, Polyesterkunstharz, Stahl, Alabaster, Bronze oder Holz. Oftmals sind immaterielle Elemente wie Klang, Licht und Wort Teil der Arbeiten. Plensas Skulpturen und Installationen befinden sich an Orten auf der ganzen Welt, so etwa im Madison Square Park in New York, im Millenium Park in Chicago, im Wolkenkratzer Burj Khalifa in Dubai oder in Antibes an der Côte d’Azur.

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Anonymous, 2016

Im Max Ernst Museum greift er – abgesehen von der meterhohen Skulptur vor dem Gebäude – zu etwas kleineren Formaten. Die wurden jedoch teilweise eigens für die Brühler Ausstellung realisiert. Da ist etwa die aus 14 Holzköpfen bestehende Arbeit „Anonymous“. Auch hier spielt Plensa mit einer verwirrenden Perspektive. Dafür scannte er Köpfe von Mädchen unterschiedlicher Nationalität und Rasse, vergrößerte und verzerrte sie, so dass sie lang und schmal wurden. Diese formte er dann in dunklem Holz nach, das glatt poliert wurde. Die Köpfe stehen auf zwei V-förmig angeordneten Balken. Ihre merkwürdig verzerrte Form täuscht den Blick und lässt die Gesichter fast vor den Augen verschwimmen.

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Invisible Rui Rui, 2016

Mit Täuschung arbeitet Plensa auch bei seinen „Netzköpfen“, die wie räumliche Zeichnungen wirken. Auch sie basieren auf realen Mädchenköpfen, die er scannt und dann vergrößert. Die Köpfe werden dann aus einem Netz von Stahldraht nachgeformt. Vor den weißen Wänden des Museums täuschen sie das Auge, indem sie zwischen zweidimensionaler Zeichnung und dreidimensionalem Objekt zu oszillieren scheinen. Komplett wird die Verwirrung dann, wenn durch die Drahtmaschen hindurch noch andere Objekte sichtbar werden – und tatsächliche Zeichnungen, die Plensa direkt auf die Wände aufgetragen hat.

 

Plensas Figuren strahlen eine meditative Ruhe aus. Sie haben die Augen geschlossen, ihre Gesichtszüge wirken entspannt. So auch die Skulptur „Blind Angel“, eine mit angezogenen Beinen sitzende Figur, die die Augen mit den Händen bedeckt. Die Figur aus Polyesterharz sitzt jedoch nicht auf dem Boden, sondern hängt an der Wand und ist von innen erleuchtet. Es ist die Suche nach dem Inneren, dem unsichtbaren Teil des Menschen, die Plensas Arbeit prägt. „Wir trauen unseren Augen und Ohren zu sehr“, erklärt er. „Wir sollten manchmal nur unserem Herzen trauen.“

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Song of Songs, 2005

Es ist offenbar das Unsichtbare, das Plensa mit seinen Skupturen zu erforschen sucht. So verwendet er für seine Skulpturen und Installationen auch nicht stoffliche Komponenten wie Licht und Klang. Zum Beispiel bei seiner Arbeit „Song of Songs“: Vorhänge aus an Draht aufgehängten Stahlbuchstaben, die von oben nach unten gelesen den Text des Hohen Liedes Salomons.

„Mich hat immer schon geärgert, dass man die Rückseite der Buchstaben auf dem Papier nicht sehen konnte“, sagt Plensa. Mit seinem Buchstabenvorhang hat er sie sichtbar gemacht. – Und zudem das Lied Salomons zum Klingen gebracht. Denn wenn man die Drähte bewegt, erklingt das glockenhelle Geräusch der aneinanderstoßenden metallenen Buchstaben.

(Ein)Blick in andere Welten

Das Arp Museum zeigt Kunst von Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen

Hubert Lucht, Vogel auf der Wiese
Hubert Lucht – Vogel auf der Wiese

 

Die Dadaisten suchten vor 100 Jahren nach der reinen, unverfälschten Kunst. Und die war ihrer Meinung nach viel mehr als das, was an den Kunsthochschulen gelehrt wurde. Die Dada-Gründer Hans Arp, Hugo Ball, Emmy Hennings, Tristan Tzara, Richard Huelsenbeck und Marcel Janco erweiterten den etablierten Kunstbegriff und zeigten in ihrer Galerie zum Beispiel auch Kinderzeichnungen. Das Arp Museum Rolandseck setzt diese Tradition fort und wagt ebenfalls die Grenzüberschreitung: Das Museum zeigt bemerkenswerte Arbeiten von 51 Künstlern und Künstlerinnen mit psychischen oder geistigen Beeinträchtigungen aus sechs Ateliers des Landesverbandes Lebenshilfe Rheinland-Pfalz und dem Kloster Ebernach in Cochem.

Dada und das Unterbewusste

Im Jubiläumsjahr des Dadaismus nimmt das Arp Museum damit auch Bezug auf die Entdeckung der Psyche und des Unterbewussten, die großen Einfluss auf die Künstler der Dada-Bewegung, aber auch des Surrealismus hatte. Die Dada-Künstler ließen sich unter anderem durch die 1922 veröffentlichte Abhandlung „Bildnerei der Geisteskranken. Ein Beitrag zur Psychologie und Psychopathologie der Gestaltung“ des Psychiaters und Kunsthistorikers Hans Prinzhorn inspirieren. Die Kunst geistig beeinträchtigter Menschen interessierte sie auf der Suche nach dem reinen, unverfälschten Ausdruck.

Danny Scholz, König Johannes
Danny Scholz – König Johannes

Was gibt’s zu sehen?

Intuitive Schaffenskraft  ist auch in den Gemälden, Zeichnungen und Skulpturen zu erkennen, die Kuratorin Jutta Mattern aus den sieben Ateliers zusammentrug, in denen Behinderte unter Anleitung von Künstlern oder Kunsttherapeuten kreativ werden. Die Werke zeigen, dass die Künstler ihre Umwelt intensiv wahrnehmen und ganz genau hinschauen – wenn auch manchmal anders als der Durchschnittsmensch. Darin aber liege die besondere Qualität der Arbeiten, sagt Mattern. Neben persönlichen, autobiografisch geprägten Themen beschäftigen sich die Künstler auch mit gesellschaftlichen Problemen wie Arbeitslosigkeit oder Krieg und Flucht. Gegliedert ist die Ausstellung nach Themenbereichen wie „Ich und die Anderen“, Mann, Frau, Sexualität“ oder „Architektur und Behausung“.

Dietmer Grafe, Badende
Dietmer Grafe – Badende

Viele Künstler arbeiten seit Jahren in den Ateliers und entwickeln sich technisch immer weiter. Vieles liege zunächst verborgen in diesen Menschen, sagt Wolfgang Sautermeister, der die Malwerkstatt in Bad Dürkheim leitet. „Im Lauf der Zeit ist man dann erstaunt, was da so entsteht. So wie etwa die Bilder von Dietmer Grafe, die bereits im Eingangsbereich des Museums ins Auge fallen. Er zeichnet die Umrisse seiner expressiven Figuren mit einem schwarzen Edding-Stift. Während die Figuren weiß bleiben, malt er den Hintergrund in leuchtenden Farben aus.

Während Melanie Wieworra aus dem Atelier Augenschmaus in Wörth farbenfrohe, gestische Gemälde schafft, ist Daniel Schoas Selbstbildnis ein akribisch schwarz-weiß gezeichnetes Wimmelbild. Wie alle anderen Künstler auch entwickelten die Atelier-Mitglieder ihren ganz eigenen Stil, sagt Sautermeister. Während einige mit Farbe spritzten, könnten andere es kaum ertragen, wenn auch nur ein kleiner Strich daneben ginge.

Daniel Schoa Daniels Welt
Daniel Schoa – Daniels Welt

„Was die Bilder einzigartig macht, ist ihre Unabhängigkeit“, sagt Kuratorin Jutta Mattern. Denn die geistig oder psychisch beeinträchtigten Maler tun das, wonach die Dadaisten vor 100 Jahren suchten: Sie drücken in ihren Werken ohne künstlerische Allüren oder Schere im Kopf aus, was sie fühlen und sehen. Die Ehrlichkeit und Direktheit merkt man den oft farbenfrohen und überraschenden Arbeiten an.

Es gibt zu der Ausstellung auch einen Audioguide in einfacher Sprache sowie ein inklusives Begleitprogramm.

www.arpmuseum.org

Ganz viel Zeit

Die Kunst und das Phänomen Zeit im Kunstmuseum Bonn

Das Leben wird immer schneller. Ein Grund, einmal innezuhalten und sich über das Phänomen Zeit Gedanken zu machen. Im Kunstmuseum Bonn entführen 31 Künstler die Besucher in eine etwas andere Zeit-Erfahrung.

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Alicja Kwade: Der Tag ohne Gestern
Hier sind die Gesetze der Zeit aufgehoben: Zur Ausstellung „EchtZEIT. Die Kunst der Langsamkeit“ im Kunstmuseum Bonn sollte der Besucher viel Zeit mitbringen – zumindest dann, wenn er sich einige Werke genauer anschauen will. Entschleunigung ist angesagt. Denn mit dem kostbaren Gut Zeit wird hier nicht gegeizt.

 

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Ein Haufen alter Uhren: Skulptur von Kris Martin
Was gibt’s zu sehen?

Zu sehen und hören sind Gemälde, Video- und Klanginstallationen sowie Skulpturen von 31 internationalen Künstlern. Sie setzen sich mit dem Phänomen Zeit auseinander, indem sie vielfach mit Verlangsamung, Wiederholung, Dehnung oder Stillstand arbeiten.

Da ist zum Beispiel Francis Alys‘ Videoarbeit „Zócalo, Mexico City 22 May, 1999“: Eine zwölfstündige Aufnahme des zentralen Platzes in der mexikanischen Hauptstadt. Wie bei einer Sonnenuhr dreht sich der Schatten des Fahnenmastes in der Mitte des Platzes im Laufe der Aufnahme. Wer lange genug hinschaut, kann auch feststellen, wie sich die Menschen mit dem schmalen Schatten bewegen. Immer wieder suchen Passanten dort Schutz vor der brennenden Sonne auf dem baumlosen Areal. Über längere Zeit betrachtet wird das Treiben auf dem Platz fast zu einer Choreografie.

Eine Art Tanz führen auch die Arbeiter in Mark Formaneks Video „Standard Time Rotterdam“ auf. Über einen Zeitraum von 24 Stunden bauen sie jede Minute eine vier mal zwölf Meter große Zeitanzeige um, so dass die aus weißen Latten bestehenden Ziffern immer die richtige Uhrzeit anzeigen. Wie bei einem Boxenstopp muss jeder Griff sitzen, damit alles schnell genug geht. Der immer weiter fortlaufenden Zeit kommen sie kaum hinterher.

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Dasselbe Glas jeden Tag anders gesehen von Peter Dreher
Ein Langzeitprojekt verfolgt auch Peter Dreher. Seit 1974 malt er ein und dasselbe Wasserglas immer wieder in Originalgröße. Insgesamt rund 5000 Wasserglas-Bilder sind bisher entstanden, Ende offen. Im Kunstmuseum sind die Arbeiten von 2001 bis 2010 zu sehen. Das Überraschende an dem Projekt „Tag um Tag ein guter Tag“: Kein Bild gleicht dem anderen. Immer ist das Licht etwas anders, einmal hell und gelblich, dann wieder ins Bläuliche changierend oder dunkelgrau. Jeder Tag ist eben anders und einmalig, kein Moment gleicht dem anderen, auch wenn das Objekt immer dasselbe bleibt.

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Thomas Kitzinger: Zeitspuren in den Gesichtern
Die Spannung zwischen einer seriellen Entwicklungslosigkeit und der Einzigartigkeit des Moments macht sich Thomas Kitzingers Porträtserie zu eigen. Seit 2008 malt der Künstler Porträts auf der Basis selbst gemachter Fotos. Die Köpfe der Modelle werden immer im gleichen hellblauen T-Shirt vor dem gleichen blassblauen Hintergrund gezeigt. Titel eines jeden Bildes ist das jeweilige Geburtsdatum des Porträtierten. Kitzinger interessieren die Spuren der Zeit in den Gesichtern. Deshalb ist jede kleine Falte zu sehen. „Jeder Kopf ist ein Universum“, sagt der Künstler. – Ein vergängliches allerdings. Zwei der bisher rund 60 Porträtierten sind bereits verstorben.

Einen versöhnlichen Blick auf das Thema Zeit wirft Marijke van Warmerdam mit ihrer doppelten Videoinstallation „Couple“ und „In the Distance“. Ein elegant gekleidetes Senioren-Paar sitzt auf einer Parkbank an einem Gewässer. Sie wirken vertraut miteinander, führen ein offenbar intimes Gespräch. Währenddessen werden sie von der Kamera gleichsam abgetastet. Sie gleitet über die faltigen Gesichter, entfernt sich, schwebt über den Personen und nähert sich von hinten wieder durch ihre Beine hindurch. Im zweiten Video ist das Paar durch ein Fenster aus der Ferne zu sehen.

Nicht zuletzt wirft die Ausstellung auch einen humorvollen Blick auf die Beschleunigung unserer Zeit. Dieses Thema griff Charlie Chaplin schon 1936 in seinem Film „Modern Times“ auf. Er spielt einen Fließbandarbeiter, der mit seiner monotonen Tätigkeit kaum hinterherkommt und immer wieder für Chaos sorgt.

Zu der Ausstellung gibt es ein kostenloses Begleitheft mit Erklärungen und Hintergrundinformationen zu jedem Exponat.

 

Stylingtipps von den alten Römern

Landesmuseum Bonn zeigt Schmuck und Schönheitspflege im Wandel der Zeiten

Sind die Menschen heute mehr auf Styling und Schönheitspflege fixiert als in früheren Jahrhunderten? Wahrscheinlich können es sich inzwischen mehr Menschen leisten. Aber schmücken wollte sich der Mensch schon immer. Das beweist die Ausstellung „Eva’s Beauty Case. Schmuck und Styling im Spiegel der Zeiten im LVR-Landesmuseum Bonn.

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Heutzutage wäre sie wohl Top-Model und würde die Titelblätter von Illustrierten schmücken. Zur Zeit der Gotik landete Uta Markgräfin von Meißen als Skulptur im Naumburger Dom, wo sie zum Schönheitsidol wurde. „Sie war die Greta Garbo des Mittelalters“, sagt Gabriele Uelsberg, Direktorin des LVR-Landesmuseums Bonn. Die neue Ausstellung zeigt, dass Menschen sich immer schon gerne in Szene setzten. Dazu verwandelte sich das Museum ist eine Art Schönheitstempel.

Was gibt’s zu sehen?

Vom Juwelier über den Frisör, die Parfümerie bis zum Kosmetiksalon ist alles vorhanden. Erste Station auf dem Beauty-Parcours ist der Juwelier: In den Vitrinen liegen Prachtstücke aus fein ziseliertem Gold und Edelsteinen. Das Landesmuseum, das über eine der größten Sammlungen römischen und frühmittelalterlichen Schmucks nördlich der Alpen verfügt, hat seine schönsten Stücke aus dem Depot geholt. Vor allem die römischen Kreationen wirken gerade zu aktuell. Eine Kette aus dicken, schwarzen Gagatperlen mit Kerbschnittdekor zum Beispiel würde aktuell glatt als „Statement“-Schmuckstück durchgehen.

In Sachen Schmuck hatten aber auch die Kelten schon etwas zu bieten. Zu sehen ist etwa eines der bedeutendsten Schmuckensembles aus dieser Zeit: Drei Armreife und ein Halsreif aus Gold mit feinen Verzierungen. Dass das Mittelalter gar nicht so düster war, zeigen Fibeln mit leuchtend roten Granateinlagen und Ketten aus bunten Glasperlen.

12Doch mit Schmuck alleine ist es nicht getan. Zu allen Zeiten sorgten sich die Menschen auch um ihre Haartracht. Bürsten und Kämme aus allen Epochen seit der Steinzeit zeugen davon. Zu Zeiten der ägyptischen Pharaonen gab es sogar bereits eine regelrechte Kammindustrie. Diese waren allerdings aus Horn und brachen leicht. Deshalb wurden sie gerne auch mit passender Hülle geliefert. Unzählige Pinzetten-Funde sprechen dafür, dass auch vor 2000 Jahren die Menschen bereits lästigen Körperhaaren zu Leibe rückten. Interessant: Die als wild geltenden Kelten trugen zwar langes Haupthaar, rasierten sich aber penibel alle Körperhaare weg.

5Bei den Römern sorgten Kaiser mit und ohne Bart für einen Wechsel der männlichen Haartracht und der französische König Ludwig XIV. führte angesichts mangelnden eigenen Haupthaares die langlockige Alongeperücke ein. Seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts bestimmen zunehmend Ikonen der Popkultur die Haarmode. Elvis Presleys Haartolle etwa war in den 50er Jahren bei jungen Männern auf der ganzen Welt angesagt. Eine Locke des Stars sowie der Frisörstuhl aus der Friedberger Kaserne, auf dem Presley sich die Haare schneiden ließ, stehen für die moderne Haarpflege.

14Neben einem gepflegten Äußeren wollten auch die alten Römer oder Ägypter schon gut riechen. Damals wurden die Duftstoffe noch in Öl oder Salben gelöst. Einige Überreste in Glasflaschen zeugen davon. Schnuppern kann man daran nicht mehr. Stattdessen gibt es aber eine Duftbar mit von Alters her verwendeten Rohstoffen für die Parfümherstellung wie Rose, Lavendel oder Orange. In der Kosmetikabteilung schließlich erfährt der Besucher mehr über die Entwicklung von Rötungsmitteln vom Hämatit oder Rötelstein bis zur Erfindung des Lippenstiftes im 19. Jahrhundert. Bei den alten Ägyptern hatte Kosmetik zunächst auch medizinische Gründe: Mit Bleiweiß schützten sie sich gegen die Sonneneinstrahlung. Kajal aus Asche und Fetten wirkte antiseptisch.

15Kinder, die nach so vielen Styling-Informationen Lust haben, selbst einmal zu experimentieren, können in Modeaccessoires vergangener Zeiten stöbern und sich damit fotografieren lassen. Auch Perücken verschiedener Epochen liegen bereit. Und wer noch schöner werden möchte, kann sich an einem Computerterminal virtuell die Haut glätten. Allerdings hat sich eines seit der Steinzeit nicht geändert: Wirklich wirksame Cremes gegen Falten gibt es nach wie vor nicht. Entscheidender Unterschied: Während die Mittel früher oft recht unangenehme Bestandteile wie Tierkot hatten, riechen sie heute wenigstens gut.

www.landesmuseum-bonn.lvr.de

 

Das Glück ist ein Baumstamm

Lohnenswerte Wiederentdeckung der Bildhauerin Barbara Hepworth im Arp Museum

Der britische Bildhauer Henry Moore ist hierzulande ziemlich bekannt. Schließlich stellte sich der frühere Bundeskanzler Schmidt seine große Bronzeskulptur Large Two Forms vor das Bonner Bundeskanzleramt. Was viele nicht wissen: Moore hatte eine Kollegin und Freundin namens Barbara Hepworth, die eigentlich als Pionierin der modernen Bildhauerei gilt. Nur ist sie viel weniger bekannt. Eine Retrospektive des Arp Museum Rolandseck entdeckt die Künstlerin nun wieder.

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Curved Form (Delphi) 1955

 

Hepworth (1903-1975) lebte seit Ende der 30er Jahre ziemlich „ab vom Schuss“ im englischen Cornwall. Das mag ein Grund dafür sein, dass ihr in den vergangenen Jahrzehnten vielfach das Image einer Künstlerin von eher regionalem Interesse anhaftete. Ihre Werke, die häufig Formen aus der Natur aufgreifen, werden vielfach mit der dortigen Landschaft assoziiert. Die Tate Britain in London hielt es offenbar für an der Zeit, die Bedeutung Hepworths neu zu definieren und zeigte im vergangenen Jahr eine Retrospektive, (die nun in abgewandelter Form im Arp Museum zu sehen ist). Aber auch diese Ausstellung löste in Großbritannien erneut eine Diskussion über die Frage ihres internationalen Ranges aus. Fest steht, dass Hepworth oftmals im Schatten männlicher Bildhauer stand, vor allem in Moores. Dabei stellte sie schon in den 50er Jahren international aus, etwa bei der Biennale in Venedig oder der Documenta in Kassel. 1964 wurde ihre über sechs Meter hohe Bronze-Skulptur „Single Form“ in Erinnerung an den bei einem Flugzeugabsturz getöteten UN-Generalsekretär Dag Hammarskjöld vor dem UNO-Gebäude in New York aufgestellt.

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Squares with Two Circles (1963)

Was gibt’s zu sehen?

Unter dem Titel „Barbara Hepworth. Sculpture for a Modern World“ sind im Arp Museum bis zum 28. August rund 100 Arbeiten der Bildhauerin sowie 30 Werke von Zeitgenossen zu sehen. Typisch für Hepworth sind ihre abstrakt-organischen Skulpturen. Sie entwickelte ihre ganz eigene Formensprache. Sie arbeitete viel mit Holz, schuf kleinere Stein-Skulpuren. Bronze war lange Zeit zu teuer. Und selbst ihre Holzskulpturen fielen lange Jahre relativ klein aus, weil auch gutes Holz in der von ihr gewünschten Größe nicht so einfach zu bekommen war. Den Durchbruch brachte Hepworth eine Holzlieferung im Herbst 1954, die ihr ein Freund aus Nigeria schickte. Eigentlich war nur eine „Probe“ angekündigt. „Plötzlich bekam ich eine Nachricht vom Hafen, dass 17 Tonnen Holz für mich eingetroffen seien“, schreibt die Bildhauerin in ihren Erinnerungen. „Ich war nie glücklicher.“ Nun hatte sie endlich das Material, die großformatigen Werke zu schaffen, die ihr dann den internationalen Durchbruch brachten.

Ein Baumstamm bringt den Durchbruch

Insgesamt reichte der riesige Baumstamm aus Nigeria für 13 Skulpturen. Vier von ihnen fanden nun ihren Weg ins Arp Museum Rolandseck. Die aus der Guarea-Holz-Lieferung entstandenen Skulpturen zeigen sie auf der Höhe ihres Schaffens: Durch geschwungene, schneckenhausförmige Einschnitte schuf sie Einblicke ins Innere der Holzblöcke. Außen sind die Holzquader abgerundet und glatt poliert. Die Maserung des kastanienfarbenen Holzes kommt so voll zur Geltung. Das Innere der Skulpturen ist meist farblich abgesetzt, häufig weiß. Vielfach sind farbige Schnüre wie die Saiten einer Gitarre über die Einschnitte der Skulpturen gespannt.

Eröffnung Barbara Hepworth

Zuhause bei Arp und Meier

Auf einer Reise nach Frankreich 1933 hatte Hepworth Arbeiten Hans Arps gesehen. Ihm schrieb sie großen Einfluss auf ihr Werk zu. Ähnlich sind bei beiden Künstlern die Inspiration durch Formen der Natur sowie Aussparungen im Material der Skulpturen, die Durchblicke schaffen. Die Beziehung ihrer Skulpturen zu der sie umgebenden Natur oder Architektur spielte für Hepworth eine große Rolle. So schuf sie Bilder, in denen sie Fotos ihrer Werke in die aus ihrer Sicht passende Umgebung collagierte. Oftmals platzierte sie ihre Werke so in eine weiße Bauhaus-Architektur.

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Sphere with Inner Form (1963)

Neben ihrer Nähe zu Arp ist das der zweite Grund, aus dem Hepworths Arbeiten wie gemacht für den lichten Meier-Bau des Arp Museums erscheinen. Durch die großen Fenster bieten sich fantastische Durchblicke durch die Öffnungen der Skulpturen in die Umgebung. So schimmert das Rheintal durch die kreisförmigen Aussparungen der meterhohen Bronze-Skulptur „Squares with Two Circles“ (1963). Die kugelförmige Bronze-Skulptur „Sphere with Inner Form“ (1963) wurde perfekt in einem Fenster-Vorsprung mit Blick auf den Museumsgarten platziert. Die für Hepworth prägende Landschaft Cornwalls ist daneben auch präsent, durch einen Film über die Künstlerin und ihr Werk.

http://www.arpmuseum.de

Parkomanie

Die Gartenkunst des Fürsten Pückler in der Bundeskunsthalle

Beim Namen Fürst Pückler denken Viele erst einmal an ein Schoko-Erdbeer-Vanille-Eis. Aber die Eiscreme wurde gar nicht von dem Fürsten erfunden. Dafür hatte er gar keine Zeit, denn er war Gartenkünstler und schuf mit ungeheurem Aufwand drei große Parks, die stilbildend für die Landschaftsgestaltung im 19. Jahrhundert und darüber hinaus waren.

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Hermann Fürst von Pückler-Muskau (1785–1871) war verrückt danach, Landschaft zu gestalten. So steckten er und seine Frau Lucie, die seine Leidenschaft teilte, ihr gesamtes Vermögen in die Anlage eines Parks in ihrem Anwesen in Muskau. Als sie pleite waren, schmiedeten sie einen sehr unkonventionellen Plan, um den Park zu retten: Sie ließen sich scheiden und Pückler reiste nach England, um dort eine reiche Braut zu finden. Die sollte freilich nur der Geldbeschaffung dienen, denn Pückler und Lucie blieben weiterhin eng verbunden. Aber der Reihe nach…

Das gibt’s zu sehen

Mit der Ausstellung „Parkomanie. Die Gartenlandschaften des Fürsten Pückler“ unternimmt die Bundeskunsthalle das Experiment, Landschaftskunst ins Museum zu holen. Das gelingt vor allem durch den Einsatz moderner 3-D-Technik und mit Hilfe des in Pücklersch’er Manier angelegten Dachgartens, der das natürliche Anschauungsmaterial liefert.

20160421_104656[1]Rund 250 Objekte von über 30 öffentlichen und privaten Leihgebern sollen die Idee und die Leidenschaft dokumentieren, die den Schaffensdrang Pücklers antrieben. Pückler war nämlich der Auffassung, dass die Schönheit der Natur auch die Menschen vervollkommnet. Hinter seinem Schaffen stand also durchaus ein pädagogisches Ideal.

Der Besucher wird in der Ausstellung zunächst mit großflächigen Naturaufnahmen aus den Pücklersch’schen Parks empfangen. Wenig weiter stößt man auf den schweren schmiedeeisernen Flügel des Eingangstors zum Muskauer Park: Willkommen in der Welt des Fürsten Pückler.

Die Ausstellung zeigt Pücklers drei große Park-Projekte Muskau, Babelsberg und Branitz in chronologischer Reihenfolge. Zu jedem Park sind auf einem großen Bildschirm bewegte Gartenpläne zu sehen. Mit Drohnen aufgenommene Filme zeigen den jeweiligen Park aus der Vogelperspektive. Zu jedem Park gibt es außerdem einen Film. Auch die unterschiedlichen Jahreszeiten werden durch 3-D-Aufnahmen sichtbar. In Ganztagesaufnahmen lässt sich beobachten, wie Pückler das Spiel zwischen Licht und Schatten bewusst in seine Planungen integrierte.

Den aktuellen Aufnahmen stehen Originalpläne der Gärten, historische Fotografien sowie Exponate aus dem bewegten Leben des Fürsten gegenüber. Ein besonderer Clou: Die Parks werden mit moderner Technik auch ein Stück weit so erlebbar wie sie zu Pücklers Zeiten gesehen wurden. Acht kolorierte Lithografien von A.W.F. Schirmer mit Ansichten von Muskau wurden dazu in 3-D-Dias umgewandelt. Sie können durch kleine Diabetrachter angeschaut werden. Originale Aquarelle der Babelsberger Anlage wurden ebenfalls so konvertiert, dass sie mit 3-D-Brillen betrachtet räumlich wirken.

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Immer wieder wird der ungeheure Aufwand deutlich, mit dem Pückler seine eigene „Garten-Grammatik“ umsetzte. Mit Hilfe einer Baumpflanz-Maschine wurden große Bäume samt riesiger Wurzelballen aus den Wäldern in die Parks geschafft. Ein nachgebautes Exemplar dieser Maschine samt Baum ist auf dem Museumsplatz zu sehen. Kein Wunder also, dass der Fürst irgendwann finanziell ruiniert war. Zwar misslang der Plan, eine reiche englische Braut zur Rettung des Anwesens zu finden. Aber aus seinen Briefen aus England an Lucie machte Pückler er ein Buch, das zum Bestseller wurde. Der Park war gerettet.

20160513_101916[1]Dennoch verkaufte Pückler das Muskauer Anwesen 1845, da ihn die finanzielle Last immer stärker drückte. 1843 erhielt er vom späteren Kaiser Wilhelm den Auftrag, dessen Besitz in Babelsberg zu gestalten. Mittels moderner Dampfmaschinen gelang es Pückler, ein Bewässerungssystem anzulegen. Aus dem trockenen Stück Land wurde ein blühender Park mit Seen, Springbrunnen und Wasserfällen. Das selbe Kunststück gelang Pückler dann noch einmal. Mit 60 Jahren zog er sich auf seinen lange vernachlässigten Besitz in Branitz zurück, den er in eine Parklandschaft verwandelte.

Auf dem Dachgarten der Bundeskunsthalle wird die Pückler’sche „Garten-Grammatik“ mit Hilfe von insgesamt 42.000 Blumen und original Bäumen aus dem Muskauer Park lebendig. Zudem wurde ein Wasserbassin mit Insel angelegt.

www.bundeskunsthalle.de