Richter zieht den Vorhang zu

Die Kölner Ausstellung zu Ehren von Gerhard Richters 85. Geburtstag ist nach Dresden weitergezogen. Doch für Richter-Fans im Rheinland gibt es Nachschub. Stand im Museum Ludwig aktuelle Arbeiten aus dem vergangenen Jahr im Mittelpunkt, so zeigt das Kunstmuseum Bonn nun frühe Bilder.

Im Zentrum der Ausstellung „Gerhard Richter. Über Malen – Frühe Bilder“ stehen bis zum 1. Oktober die Vorhang- und Fenster-Bilder geborenen Malers. Das hat einen Grund: Richter bezieht sich damit auf die Geschichte des Vorhang-Motivs in der Malerei seit der Renaissance. Der niederländische Barockmaler Jan Vermeer zum Beispiel nutzte den zurückgeschlagenen Vorhang auf seinen Bildern großen Inszenierung. Er lässt den Betrachter hinter den Vorhang in die Stuben schauen, in denen Künstler an der Arbeit sitzen oder junge Frauen versonnen Briefe lesen. Drei Jahrhunderte rennt der Betrachter bei Richter quasi vor die Wand: Der Vorhang bleibt geschlossen und wird selbst zum Motiv. Was sich dahinter verbirgt, bleibt Spekulation.

Zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion

Die Ausstellung im Bonner Kunstmuseum beleuchtet entscheidende Jahre zwischen 1964 und 1974, in denen Richter sein Bildkonzept entwickelt, das bis in die Gegenwart gültig ist. Den 1932 in Dresden geborenen Richter prägt eine tiefe Skepsis gegenüber dem Bild. Ausgebildet in der DDR im Sinne des Sozialistischen Realismus setzt er sich nach seiner Flucht in die Bundesrepublik 1961 im Zeitraffer mit den aktuellen westlichen Kunstströmungen auseinander. Er stößt auf eine Interpretation der Kunst des 20. Jahrhunderts, die vom Gegensatz von Abstraktion und Gegenständlichkeit geprägt ist. Richter sucht einen Weg jenseits dieser Pole und schafft gegenständliche Bilder, in denen sich die Gegenständlichkeit zugleich auflöst.

Richters monochrome Vorhang- oder Fenster-Gemälde sind ein Beispiel für dieses Changieren zwischen Abstraktion und Gegenständlichkeit. Die Falten der Vorhänge oder die Fensterkreuze wirken zugleich wie ein abstraktes Muster. Selbst ihre Farbe, nämlich Grau, wirkt völlig neutral und entzieht sich somit jeglicher Aussage. Richter öffnet nicht wie Vermeer die Sicht auf die Welt hinter dem Vorhang, sondern demonstriert ihre Unsichtbarkeit.

Gemalte Bildskepsis

Diese in Malerei gefasste Bildskepsis dekliniert Richter im Jahrzehnt zwischen 1964 bis 1974 auf unterschiedliche Art und Weise durch. Während die Geburtstagsausstellung im Kölner Museum Ludwig sich schwerpunktmäßig dem Spätwerk des Künstlers widmete und die Schau im Essener Museum Folkwang einen Überblick über seine Editionen gibt, konzentriert die Bonner Schau den Blick auf die Entstehungszeit seiner malerischen Lösungskonzepte.

Empfangen wird der Besucher von Richters „5 Türen (I)“. Von Tür zu Tür öffnet sich der Spalt weiter. Doch ähnlich wie bei den Vorhängen wird die Erwartung des Betrachters enttäuscht. Der Blick geht in einen leeren Raum. Bereits in den 60er Jahren entwickelte Richter auch schon seine Fotomalerei, für die er einer breiten Öffentlichkeit besonders bekannt wurde.

Die nach der Vorlage von Fotografien gemalten Bilder entziehen sich der Gegenständlichkeit durch eine Unschärfe, die das Objekt der Betrachtung gleichsam wieder auslöscht. Da ist etwa das Gemälde „Zwei Fiat“ (1964), auf dem die beiden vorbeifahrenden Autos nur noch schemenhaft zu erkennen sind. Das „Porträt Dieter Kreutz“ (1971) wirkt wie ein stark überbelichtetes Foto. Das Gemälde nennt sich Porträt, widerspricht aber zugleich dem Charakter dieses Genres, denn der Abgebildete ist nur vage in Umrissen zu erkennen.

Die Bonner Schau bietet auf kleinem Raum einen umfassenden Einblick in Richters Werk. Da sind etwa Beispiele seiner monochromen Gemälde („Grau“, 1970) und seiner Glasscheiben („4 Glasscheiben“, 1967/2015). Ein großformatiges Werk aus seiner Serie von Farbtafel-Bildern (256 Farben, 1974) sowie zwei Fenster-Bilder von 1968 runden den Eindruck ab.

Den Schlusspunkt setzt das aktuelle zweiteilige Werk „Zwei Grau“ aus dem vergangenen Jahr. Es ist ebenso undurchdringlich wie die rund 50 Jahre zuvor entstandenen Vorhang-Bilder: Der Betrachter bleibt auf sich selbst zurückgeworfen. Statt des Einblicks in eine vom Künstler entworfene Szenerie sieht er in den grauen Glasscheiben nur sein eigenes Spiegelbild. Der Vorhang ist gefallen, der traditionelle Offenbarungsgestus der Malerei gilt nicht mehr.

http://www.kunstmuseum-bonn.de

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s