Neue Bilder von Richter

Er ist gerade 85 Jahre alt geworden und sprüht vor Energie: Gerhard Richter  zeigt im Museum Ludwig in Köln neue abstrakte Bilder in leuchtenden Farben.

Gerhard Richter hatte ursprünglich wohl wenig Lust auf großes Tamtam um seinen 85. Geburtstag. Als Yilmaz Dziewior, Direktor des Museum Ludwig, im Februar 2015 seinen Antrittsbesuch bei Gerhard Richter machte, zeigte dieser wenig Interesse an einer Geburtstags-Ausstellung. Er werde dann verreist sein, kündigte der Kölner Maler an. Die Museumsleute schickten sich deshalb an, die Ausstellung zu Ehren Richters mit Beständen aus der Sammlung auszurichten.

Doch dann, drei Monate vor Ausstellungseröffnung, die Wende: Richter bot dem Museum an, seine neusten Arbeiten zu zeigen. Die Kuratorin und stellvertretende Museumsdirektorin, Rita Kersting, eilte gleich am nächsten Tag in Richters Atelier in den vornehmen Stadtteil Köln-Hahnwald. „Ich war überrascht, diese Bilder zu sehen“, sagt sie. „Sie sind unglaublich facettenreich, vielschichtig und teilweise leuchtend farbig.“

Die 26 abstrakten Bilder unterschiedlichen Formats entstanden alle im vergangenen Jahr und sind ab Donnerstag im Museum Ludwig zu sehen. Unter dem Titel „Gerhard Richter. Neue Bilder“ werden bis zum 1. Mai zusätzlich auch etwa noch einmal ebenso viele frühere Werke gezeigt, größtenteils aus der museumseigenen Sammlung. Richter, der zu den weltweit gefragtesten Künstlern zählt, bestimmte die Anordnung der Bilder bis ins Detail selbst. Kein Wunder also, dass die Ausstellung biografische Züge trägt.

Doch es handelt sich mitnichten um die Rückschau eines greisen Mannes, der am Ende seines Schaffens steht. Die frisch aus dem Atelier ins Museum gebrachten, teils großformatigen abstrakten Bilder sprechen für eine enorme Vitalität. Die Gemälde entstanden durch den Auftrag zahlreicher Schichten Ölfarbe mit dem Rakel, einem Schaber: eine Technik, die den Zufall mit einbezieht. „Richter will damit erreichen, dass der Subjektivität des Künstlers möglichst wenig Raum gegeben wird“, erklärt Kersting.

Durch die Überlagerung zahlreicher, immer wieder aufgerissener Farbschichten wirken die Bilder plastisch. Bizarre Strukturen lassen an Landschaften, Wälder oder Gesteinsschichten denken. Als „fiktive Modelle“ bezeichnete Richter selbst seine abstrakten Gemälde. „Weil sie eine Wirklichkeit veranschaulichen, die wir weder sehen noch beschreiben können, auf deren Existenz wir aber schließen.“

Es sind die Zweifel an der Darstellbarkeit, die den am 9. Februar 1932 in Dresden geborenen Richter seit Anfang der 60er Jahre umtreiben. Schon bald nach seiner Flucht aus der DDR in den Westen 1961 begann er mit seinen fotorealistischen Bildern. Richter entwickelte das Abmalen von Fotografien als Strategie, der Subjektivität sowie künstlerischen Konzepten und Ideologien zu entgehen.

Der Sammler und Stifter Peter Ludwig habe in Richter die deutsche Antwort auf die amerikanische Pop Art gesehen, sagt Museumsdirektor Dziewior. Der Tatsache, dass Ludwig schon früh Richters Bilder ankaufte, verdankt das nach ihm benannte Kölner Museum einige berühmte Werke, die heute unerschwinglich wären.

Dazu zählt das Gemälde „Ema (Akt auf einer Treppe)“ (1966), das Richters erste Frau zeigt. Auch seine Tochter aus dieser Ehe, Betty, ist mit einem Gemälde von 1977 vertreten. Gleichsam den Schlusspunkt markiert das Bild seiner Tochter aus dritter Ehe, Ella, von 2014, auf das der Besucher am Ende der Ausstellung zuläuft.

Dazwischen leuchten die verschiedenen Facetten des vielschichtigen Werks auf. Für Richters Auseinandersetzung mit dem Faschismus etwa steht das Bild „Onkel Rudi“ (2000), das seinen Onkel, einen bekennenden Nationalsozialisten, in Wehrmachtsuniform zeigt. Seine Beschäftigung mit dem Linksterrorismus und der RAF spiegelt sich in einem Bild von Ulrike Meinhof (2015).

Immer wieder tauchen in Richters Werk auch Spiegel oder Glasscheiben auf, die dem Betrachter sein eigenes Bild als Momentaufnahme zurückwerfen. Auch diese Werkgruppe ist vertreten, etwa mit „11 Scheiben“ (2003). Ein weiteres Highlight: die monochromen „48 Porträts“ (1971/72) von Geistesgrößen für den Deutschen Pavillon auf der Biennale in Venedig.

Fotorealismus und Abstraktion, Geometrie und Geste: Die Kölner Ausstellung zeigt die Gegensätze. „Es bleibt etwas nicht Begreifbares am Werk von Gerhard Richter„, resümiert Dziewior. Dennoch, oder vielleicht gerade deshalb werden seine Bilder für Millionenbeträge, teils im zweistelligen Bereich, gehandelt.

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