Komprimierter Raum

Der international bekannte spanische Bildhauer Jaume Plensa in Brühl

 Jaume Plensa verbindet digitale Technik und traditionelle Bildhauerei. Das Max Ernst Museum in Brühl zeigt aktuelle Werke des Spaniers.

pressebild7_jaume-plensa
Isabella, 2015

 

Abgesehen von seiner Größe wirkt er auf den ersten Blick unspektakulär: Der 4,5 Meter große schwarze Mädchenkopf, der die Besucher seit Kurzem vor dem Max Ernst Museum in Brühl empfängt. Doch aus der Nähe wird deutlich: Mit der riesigen Stein-Skulptur stimmt etwas nicht. Das Gesicht ist seltsam in die Länge gezogen. Und wenn man sie umrundet, stellt man fest, dass die Skulptur, die eben noch so plastisch wirkte, flach zusammengepresst ist. „Ich wollte das Volumen so komprimieren, dass es fast verschwindet, wenn Sie daran vorbeigehen“, erklärt der Künstler zufrieden, während er sein Werk umschreitet.

Plensas Skupturen spielen mit dem Wechsel aus Gegenwart und Abwesenheit, Eindeutigkeit und Rätsel. Unter dem Titel „Jaume Plensa – Die innere Sicht“ zeigt das Max Ernst Museum bis zum 15. Januar eine kleine, aber feine Auswahl von Werken des 1955 geborenen Katalanen. Plensa, der zu den bedeutendsten Bildhauern der Gegenwart zählt, ist bekannt für seine großformatigen Skulpturen aus Glas, Polyesterkunstharz, Stahl, Alabaster, Bronze oder Holz. Oftmals sind immaterielle Elemente wie Klang, Licht und Wort Teil der Arbeiten. Plensas Skulpturen und Installationen befinden sich an Orten auf der ganzen Welt, so etwa im Madison Square Park in New York, im Millenium Park in Chicago, im Wolkenkratzer Burj Khalifa in Dubai oder in Antibes an der Côte d’Azur.

pressebild8_jaume-plensa
Anonymous, 2016

Im Max Ernst Museum greift er – abgesehen von der meterhohen Skulptur vor dem Gebäude – zu etwas kleineren Formaten. Die wurden jedoch teilweise eigens für die Brühler Ausstellung realisiert. Da ist etwa die aus 14 Holzköpfen bestehende Arbeit „Anonymous“. Auch hier spielt Plensa mit einer verwirrenden Perspektive. Dafür scannte er Köpfe von Mädchen unterschiedlicher Nationalität und Rasse, vergrößerte und verzerrte sie, so dass sie lang und schmal wurden. Diese formte er dann in dunklem Holz nach, das glatt poliert wurde. Die Köpfe stehen auf zwei V-förmig angeordneten Balken. Ihre merkwürdig verzerrte Form täuscht den Blick und lässt die Gesichter fast vor den Augen verschwimmen.

pressebild2_jaume-plensa
Invisible Rui Rui, 2016

Mit Täuschung arbeitet Plensa auch bei seinen „Netzköpfen“, die wie räumliche Zeichnungen wirken. Auch sie basieren auf realen Mädchenköpfen, die er scannt und dann vergrößert. Die Köpfe werden dann aus einem Netz von Stahldraht nachgeformt. Vor den weißen Wänden des Museums täuschen sie das Auge, indem sie zwischen zweidimensionaler Zeichnung und dreidimensionalem Objekt zu oszillieren scheinen. Komplett wird die Verwirrung dann, wenn durch die Drahtmaschen hindurch noch andere Objekte sichtbar werden – und tatsächliche Zeichnungen, die Plensa direkt auf die Wände aufgetragen hat.

 

Plensas Figuren strahlen eine meditative Ruhe aus. Sie haben die Augen geschlossen, ihre Gesichtszüge wirken entspannt. So auch die Skulptur „Blind Angel“, eine mit angezogenen Beinen sitzende Figur, die die Augen mit den Händen bedeckt. Die Figur aus Polyesterharz sitzt jedoch nicht auf dem Boden, sondern hängt an der Wand und ist von innen erleuchtet. Es ist die Suche nach dem Inneren, dem unsichtbaren Teil des Menschen, die Plensas Arbeit prägt. „Wir trauen unseren Augen und Ohren zu sehr“, erklärt er. „Wir sollten manchmal nur unserem Herzen trauen.“

pressebild4_jaume-plensa
Song of Songs, 2005

Es ist offenbar das Unsichtbare, das Plensa mit seinen Skupturen zu erforschen sucht. So verwendet er für seine Skulpturen und Installationen auch nicht stoffliche Komponenten wie Licht und Klang. Zum Beispiel bei seiner Arbeit „Song of Songs“: Vorhänge aus an Draht aufgehängten Stahlbuchstaben, die von oben nach unten gelesen den Text des Hohen Liedes Salomons.

„Mich hat immer schon geärgert, dass man die Rückseite der Buchstaben auf dem Papier nicht sehen konnte“, sagt Plensa. Mit seinem Buchstabenvorhang hat er sie sichtbar gemacht. – Und zudem das Lied Salomons zum Klingen gebracht. Denn wenn man die Drähte bewegt, erklingt das glockenhelle Geräusch der aneinanderstoßenden metallenen Buchstaben.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s