Lebensader Rhein

Zwei Ausstellungen über die Menschen am Rhein

Der Rhein hat sich schon immer wie eine Lebensader durch Europa gezogen. An seinen Ufern entfalteten sich Hochkulturen, es wurde gekämpft und gefeiert. Zeit, um sich einmal genauer anzusehen, was dieser Fluss in den vergangenen Jahrtausenden so alles erlebt hat. Das geschieht nun erstmals mit einer Doppelausstellung in der Bundeskunsthalle und im LVR-Landesmuseum Bonn.

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Johann Adolf Lasinsky, Der Rhein bei Koblenz-Ehrenbreitstein, 1828

„Der Rhein ist der Fluss, von dem alle Welt spricht und den niemand erforscht“, stellte der französische Schriftsteller Victor Hugo 1840 fest. Tatsächlich wurde der 1300 Kilometer lange Strom zwar von den Menschen an seinen Ufern als Wasserstraße, Grenze oder Wasserquelle genutzt. Doch eine umfassende Würdigung seiner historischen und kulturellen Bedeutung stand lange aus. Das dürfte sich mit den beiden Rhein-Ausstellungen in Bonn erledigt haben. Während die Bundeskunsthalle mit einer großen Sonderausstellung die erste „Biografie“ des Flusses nachzeichnet, zeigt das LVR-Landesmuseum den Rhein als Motiv der Fotogeschichte.

Unter dem Titel „Der Rhein. Eine europäische Flussbiografie“ verfolgt die Bundeskunsthalle die Geschichte des Stromes von der Prähistorie bis zur Gegenwart. Die chronologisch aufgebaute Ausstellung mit rund 350 Exponaten beginnt mit einem Rückblick auf die frühesten Zeugnisse des Lebens am Rhein. Zu sehen sind unter anderem zwei rund 14.000 Jahre alte Skelette, die ältesten Überreste anatomisch moderner Menschen in Deutschland, die in Bonn-Oberkassel gefunden wurden.

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„Zweihörniger Rhein“, röm. Grabmal, 2 Jh. n. Chr.

Die Grundlage für die späteren Festungen am Rhein, die Verwaltungszentren der mittelalterlichen Kaiser, die Klöster und die späteren Großstädte legten jedoch die Römer. Mit ihrer Ankunft am Rhein beginnen vor rund 2000 Jahren die Quellen und Zeugnisse dichter zu werden. Für die Römer hatte der Fluss sogar den Status einer Gottheit. Das bezeugt zum Beispiel seine Darstellung als Kopf mit zwei Hörnern auf einem Grabmal. Vergil hatte den Fluss in Anspielung auf seine gegabelte Mündung als „zweihörnigen Rhein“ bezeichnet.

Die Ausstellung schlägt von dort einen Bogen über die mittelalterlichen Kaiser-Festungen am Rhein, die napoleonische Zeit bis zur Bonner Republik. Zahlreiche Werke berühmter Künstler wie William Turner, Max Ernst, Joseph Beuys oder Anselm Kiefer dokumentieren die Bedeutung des Flusses in der Kunst und Geistesgeschichte Europas.

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Michael Lio, Rheinfall mit Kanzel und Springer, 2005

Im Verhältnis zum Rhein lässt sich auch immer wieder das gewandelte Selbstverständnis des Menschen durch die Jahrhunderte ablesen. So erscheinen die Menschen in Jakob Schalchs Gemälde „Josef II. beim Rheinfall“ winzig klein und ehrfürchtig vor der Naturgewalt des Wasserfalls. Der heutige Mensch hingegen springt selbstbewusst und wagemutig in die Fluten. So hielt es der Fotograf Michael Lio 2005 in dem Bild „Rheinfall mit Kanzel und Springer“ fest.

Seit den Anfängen der Fotografie ist der Rhein ein beliebtes Motiv. Das LVR-Landesmuseum nimmt das zum Anlass, die Geschichte der Fotografie anhand von Aufnahmen rund um den Fluss darzustellen. Die Ausstellung „bilderstrom. Der Rhein und die Fotografie 2016-1853“ zeigt 260 Fotografien aus rund 160 Jahren. Dabei nimmt sie den Besucher von der Gegenwart mit bis in die Zeiten der ersten Fotografien Mitte des 19. Jahrhunderts.

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Francis Frith, Lahnstein, vor 1864

Doch ist das Motiv des „Vater Rhein“ mittlerweile nicht reichlich abgegriffen? Schon 1995 hatte der der renommierte Kunstkritiker Klaus Honnef behauptet, der Fluss sei „zu Tode fotografiert“ worden. Kurator Christoph Schaden sieht das anders. Das vermeintlich todgeweihte Motiv sei „quicklebendig und wieder erstarkt ins Blickfeld einer neuen Fotografengeneration“ gerückt. Dass die zeitgenössische Fotografie tatsächlich neue und ungewohnte Blicke auf den Rhein liefere, liege auch an der digitalen Revolution, die die Ästhetik fotografischer Bilder verändert habe.

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Albert Renger-Patzsch-Kühe am Rhein

Für die Aktualität des Rhein-Motivs spricht auch die berühmte digital bearbeitete Aufnahme „Rhein II“ des Düsseldorfer Künstlers Andreas Gursky, die 2011 mit einem Verkaufswert von rund drei Millionen Euro zeitweise zur weltweit teuersten Fotografie wurde. – Vielleicht ein Grund, warum keines der sechs Exemplare dieser Ikone der Rheinfotografie in die Ausstellung fand. Besucher, die zuvor in der Bundeskunsthalle waren, konnten dort aber zumindest das Vorläuferwerk „Rhein I“ sehen.

Ins Landesmuseum hat sich „Rhein II“ aber als Zitat eingeschlichen. Gursky hatte das Bild nämlich als Fotomotiv für ein Wahlplakat der rot-grünen Landesregierung in Nordrhein-Westfalen zur Verfügung gestellt. Max Regenberg fotografierte das am Rhein aufgestellte Plakat und nannte sein Foto dann augenzwinkernd „Rhein III“. Die Schau präsentiert darüber hinaus bis zum 22. Januar Fotografien von Henri Cartier-Bresson, August Sander, Chargesheimer, Barbara Klemm, Boris Becker, Nora Schattauer, Candida Höfer und Gerhard Richter.

www.bundeskunsthalle.de

www.landesmuseum-bonn.lvr.de

 

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Komprimierter Raum

Der international bekannte spanische Bildhauer Jaume Plensa in Brühl

 Jaume Plensa verbindet digitale Technik und traditionelle Bildhauerei. Das Max Ernst Museum in Brühl zeigt aktuelle Werke des Spaniers.

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Isabella, 2015

 

Abgesehen von seiner Größe wirkt er auf den ersten Blick unspektakulär: Der 4,5 Meter große schwarze Mädchenkopf, der die Besucher seit Kurzem vor dem Max Ernst Museum in Brühl empfängt. Doch aus der Nähe wird deutlich: Mit der riesigen Stein-Skulptur stimmt etwas nicht. Das Gesicht ist seltsam in die Länge gezogen. Und wenn man sie umrundet, stellt man fest, dass die Skulptur, die eben noch so plastisch wirkte, flach zusammengepresst ist. „Ich wollte das Volumen so komprimieren, dass es fast verschwindet, wenn Sie daran vorbeigehen“, erklärt der Künstler zufrieden, während er sein Werk umschreitet.

Plensas Skupturen spielen mit dem Wechsel aus Gegenwart und Abwesenheit, Eindeutigkeit und Rätsel. Unter dem Titel „Jaume Plensa – Die innere Sicht“ zeigt das Max Ernst Museum bis zum 15. Januar eine kleine, aber feine Auswahl von Werken des 1955 geborenen Katalanen. Plensa, der zu den bedeutendsten Bildhauern der Gegenwart zählt, ist bekannt für seine großformatigen Skulpturen aus Glas, Polyesterkunstharz, Stahl, Alabaster, Bronze oder Holz. Oftmals sind immaterielle Elemente wie Klang, Licht und Wort Teil der Arbeiten. Plensas Skulpturen und Installationen befinden sich an Orten auf der ganzen Welt, so etwa im Madison Square Park in New York, im Millenium Park in Chicago, im Wolkenkratzer Burj Khalifa in Dubai oder in Antibes an der Côte d’Azur.

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Anonymous, 2016

Im Max Ernst Museum greift er – abgesehen von der meterhohen Skulptur vor dem Gebäude – zu etwas kleineren Formaten. Die wurden jedoch teilweise eigens für die Brühler Ausstellung realisiert. Da ist etwa die aus 14 Holzköpfen bestehende Arbeit „Anonymous“. Auch hier spielt Plensa mit einer verwirrenden Perspektive. Dafür scannte er Köpfe von Mädchen unterschiedlicher Nationalität und Rasse, vergrößerte und verzerrte sie, so dass sie lang und schmal wurden. Diese formte er dann in dunklem Holz nach, das glatt poliert wurde. Die Köpfe stehen auf zwei V-förmig angeordneten Balken. Ihre merkwürdig verzerrte Form täuscht den Blick und lässt die Gesichter fast vor den Augen verschwimmen.

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Invisible Rui Rui, 2016

Mit Täuschung arbeitet Plensa auch bei seinen „Netzköpfen“, die wie räumliche Zeichnungen wirken. Auch sie basieren auf realen Mädchenköpfen, die er scannt und dann vergrößert. Die Köpfe werden dann aus einem Netz von Stahldraht nachgeformt. Vor den weißen Wänden des Museums täuschen sie das Auge, indem sie zwischen zweidimensionaler Zeichnung und dreidimensionalem Objekt zu oszillieren scheinen. Komplett wird die Verwirrung dann, wenn durch die Drahtmaschen hindurch noch andere Objekte sichtbar werden – und tatsächliche Zeichnungen, die Plensa direkt auf die Wände aufgetragen hat.

 

Plensas Figuren strahlen eine meditative Ruhe aus. Sie haben die Augen geschlossen, ihre Gesichtszüge wirken entspannt. So auch die Skulptur „Blind Angel“, eine mit angezogenen Beinen sitzende Figur, die die Augen mit den Händen bedeckt. Die Figur aus Polyesterharz sitzt jedoch nicht auf dem Boden, sondern hängt an der Wand und ist von innen erleuchtet. Es ist die Suche nach dem Inneren, dem unsichtbaren Teil des Menschen, die Plensas Arbeit prägt. „Wir trauen unseren Augen und Ohren zu sehr“, erklärt er. „Wir sollten manchmal nur unserem Herzen trauen.“

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Song of Songs, 2005

Es ist offenbar das Unsichtbare, das Plensa mit seinen Skupturen zu erforschen sucht. So verwendet er für seine Skulpturen und Installationen auch nicht stoffliche Komponenten wie Licht und Klang. Zum Beispiel bei seiner Arbeit „Song of Songs“: Vorhänge aus an Draht aufgehängten Stahlbuchstaben, die von oben nach unten gelesen den Text des Hohen Liedes Salomons.

„Mich hat immer schon geärgert, dass man die Rückseite der Buchstaben auf dem Papier nicht sehen konnte“, sagt Plensa. Mit seinem Buchstabenvorhang hat er sie sichtbar gemacht. – Und zudem das Lied Salomons zum Klingen gebracht. Denn wenn man die Drähte bewegt, erklingt das glockenhelle Geräusch der aneinanderstoßenden metallenen Buchstaben.