(Ein)Blick in andere Welten

Das Arp Museum zeigt Kunst von Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen

Hubert Lucht, Vogel auf der Wiese
Hubert Lucht – Vogel auf der Wiese

 

Die Dadaisten suchten vor 100 Jahren nach der reinen, unverfälschten Kunst. Und die war ihrer Meinung nach viel mehr als das, was an den Kunsthochschulen gelehrt wurde. Die Dada-Gründer Hans Arp, Hugo Ball, Emmy Hennings, Tristan Tzara, Richard Huelsenbeck und Marcel Janco erweiterten den etablierten Kunstbegriff und zeigten in ihrer Galerie zum Beispiel auch Kinderzeichnungen. Das Arp Museum Rolandseck setzt diese Tradition fort und wagt ebenfalls die Grenzüberschreitung: Das Museum zeigt bemerkenswerte Arbeiten von 51 Künstlern und Künstlerinnen mit psychischen oder geistigen Beeinträchtigungen aus sechs Ateliers des Landesverbandes Lebenshilfe Rheinland-Pfalz und dem Kloster Ebernach in Cochem.

Dada und das Unterbewusste

Im Jubiläumsjahr des Dadaismus nimmt das Arp Museum damit auch Bezug auf die Entdeckung der Psyche und des Unterbewussten, die großen Einfluss auf die Künstler der Dada-Bewegung, aber auch des Surrealismus hatte. Die Dada-Künstler ließen sich unter anderem durch die 1922 veröffentlichte Abhandlung „Bildnerei der Geisteskranken. Ein Beitrag zur Psychologie und Psychopathologie der Gestaltung“ des Psychiaters und Kunsthistorikers Hans Prinzhorn inspirieren. Die Kunst geistig beeinträchtigter Menschen interessierte sie auf der Suche nach dem reinen, unverfälschten Ausdruck.

Danny Scholz, König Johannes
Danny Scholz – König Johannes

Was gibt’s zu sehen?

Intuitive Schaffenskraft  ist auch in den Gemälden, Zeichnungen und Skulpturen zu erkennen, die Kuratorin Jutta Mattern aus den sieben Ateliers zusammentrug, in denen Behinderte unter Anleitung von Künstlern oder Kunsttherapeuten kreativ werden. Die Werke zeigen, dass die Künstler ihre Umwelt intensiv wahrnehmen und ganz genau hinschauen – wenn auch manchmal anders als der Durchschnittsmensch. Darin aber liege die besondere Qualität der Arbeiten, sagt Mattern. Neben persönlichen, autobiografisch geprägten Themen beschäftigen sich die Künstler auch mit gesellschaftlichen Problemen wie Arbeitslosigkeit oder Krieg und Flucht. Gegliedert ist die Ausstellung nach Themenbereichen wie „Ich und die Anderen“, Mann, Frau, Sexualität“ oder „Architektur und Behausung“.

Dietmer Grafe, Badende
Dietmer Grafe – Badende

Viele Künstler arbeiten seit Jahren in den Ateliers und entwickeln sich technisch immer weiter. Vieles liege zunächst verborgen in diesen Menschen, sagt Wolfgang Sautermeister, der die Malwerkstatt in Bad Dürkheim leitet. „Im Lauf der Zeit ist man dann erstaunt, was da so entsteht. So wie etwa die Bilder von Dietmer Grafe, die bereits im Eingangsbereich des Museums ins Auge fallen. Er zeichnet die Umrisse seiner expressiven Figuren mit einem schwarzen Edding-Stift. Während die Figuren weiß bleiben, malt er den Hintergrund in leuchtenden Farben aus.

Während Melanie Wieworra aus dem Atelier Augenschmaus in Wörth farbenfrohe, gestische Gemälde schafft, ist Daniel Schoas Selbstbildnis ein akribisch schwarz-weiß gezeichnetes Wimmelbild. Wie alle anderen Künstler auch entwickelten die Atelier-Mitglieder ihren ganz eigenen Stil, sagt Sautermeister. Während einige mit Farbe spritzten, könnten andere es kaum ertragen, wenn auch nur ein kleiner Strich daneben ginge.

Daniel Schoa Daniels Welt
Daniel Schoa – Daniels Welt

„Was die Bilder einzigartig macht, ist ihre Unabhängigkeit“, sagt Kuratorin Jutta Mattern. Denn die geistig oder psychisch beeinträchtigten Maler tun das, wonach die Dadaisten vor 100 Jahren suchten: Sie drücken in ihren Werken ohne künstlerische Allüren oder Schere im Kopf aus, was sie fühlen und sehen. Die Ehrlichkeit und Direktheit merkt man den oft farbenfrohen und überraschenden Arbeiten an.

Es gibt zu der Ausstellung auch einen Audioguide in einfacher Sprache sowie ein inklusives Begleitprogramm.

www.arpmuseum.org

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