Dada ist wieder da!

Ausstellung zum 100. Jubiläumsjahr des Dadaismus im Arp Museum

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Hans Arp, Tristan Tzara und Marcel Janco in Zürich
Vor 100 Jahren wütete der Erste Weltkrieg. Mittendrin die kleine, neutrale Schweiz als friedliche Insel – und eine Gruppe europäischer Immigranten, die die Kunst revolutionierten.Hans Arp, Hugo Ball, Emmy Hennings, Richard Huelsenbeck, Marcel Janco und Sophie Taeuber-Arp probten ab Februar 1916 in der Züricher Künstlerkneipe Cabaret Voltaire den Abgesang auf die bürgerliche Gesellschaft und ihren Wertekanon: Dada war geboren. 100 Jahre später zeigt das Arp Museum Rolandseck eine Jubiläumsschau unter dem Titel „Genese Dada. 100 Jahre Dada Zürich“. 

Braven Züricher Bürgern muss das im Februar 1916 gegründete Cabaret Voltaire in der Spiegelgasse 1 wie ein Irrenhaus erschienen sein: Vor allem dann, wenn Hugo Ball, Tristan Tzara, Richard Huelsenbeck oder Hans Arp teilweise mehrstimmig lautmalerische Gedichte vortrugen. Welchen Sinn sollte man aus „zimbim urullala zimbim“ oder ähnlichem Gestammel ausmachen? Die Nachbarn beschwerten sich bald über den Lärm. Dass hier eine bedeutende Künstlerbewegung entstand, glaubten damals wohl nur wenige.

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Hugo Ball im kubistischen Kostüm
Die Dada-Gründer hatten angesichts der Absurdität des Krieges genug von traditionellen Kunstformen. Sie wollten einen Paradigmenwechsel. So warfen sie traditionelle künstlerische Verfahren über Bord und ersetzten sie durch meist zufallsgesteuerte Aktionen. Dada umfasste nicht nur bildende Kunst, sondern auch Tanz, Theater und Lesungen. Damit gelten die Dada-Künstler als Vorläufer und Vorbild heutiger Performance-Kunst.

Was gibt’s zu sehen?

100 Jahre nach der Gründung des Cabaret Voltaire wird der Dadaismus bis zum 10. Juli mit einer Ausstellung im Arp Museum gefeiert. Unter dem Titel „Genese Dada. 100 Jahre Dada Zürich“ zeigt die Schau neben Arbeiten der Hauspatrone Hans Arp und Sophie Taueber-Arp unter anderem Werke von Paul Klee, August Macke, Pablo Picasso und Giorgio de Chirico. Ihre Bilder hingen damals an den Wänden des Cabaret Voltaire. „Nicht so schön gerahmt wie heute, sondern vielleicht teilweise nur festgenagelt“, sagt Adrian Notz, Direktor des immer noch existierenden Cabaret Voltaire in Zürich, der die Schau mitkonzipiert hat.

Cabaret Voltaire – Keimzelle des Dada

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Die Spiegelgasse rekonstruiert in der Ausstellung

Die Atmosphäre in der Keimzelle des Dada, dem Cabaret Voltaire, versucht das Arp Museum so gut es geht an den Rhein zu holen. Bereits auf dem Weg in die oberste Ausstellungsetage des Neubaus gibt es im Aufzug Dada-Kostproben. In einem Kubus können die Besucher die Künstlerkneipe im Kleinformat betreten. Ein schwarzes, abgewetztes Klavier auf einer Holzbühne darf von den Besuchern bespielt werden. Aus Lautsprechern erklingt jedoch auch eine Toncollage, die die Atmosphäre im Cabaret Voltaire nachempfindet: Klaviermusik, Stimmen und gelegentlich ploppt ein Korken aus einer Weinflasche.

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Max Oppenheimer: Der Weltkrieg

An den Wänden hängen vor 100 Jahren wie heute Kunstwerke. Damals soll Mit-Gründer Hans Arp wohl gelegentlich mit ein paar Picasso-Bildern unterm Arm ins Cabaret Voltaire geschlendert sein. Heute sind  einige der Bilder wieder vereint. Nur, dass diese heute sorgfältig gerahmt und mittlerweile ein Vermögen wert sind: Hans Arps Collagen und organisch-abstrakte Holzschnitte, Picassos „Mann mit Hund“ oder Max Oppenheimers „Der Weltkrieg“.

Ein zweiter Kubus in der Ausstellung zeigt die Galerie Dada. Ein Kronleuchter und ein elektrisches Kaminfeuer stellen die Atmosphäre in der Züricher Wohnung nach, die die Dada-Künstler gemietet hatten, um ihre Werke zu verkaufen. Hier gelang dem Arp Museum der Coup, drei Originale wieder zu vereinen. Damals wie heute hängt Giorgio de Chiricos „Der Genius eines Königs“ über dem Kamin. Normalerweise ist das Bild heute im Museum of Modern Art in New York zu sehen. Eingerahmt wird es von Heinrich Campendonks „Landschaft mit zwei Tieren“ und Jacoba van Heemskercks „Landschaft“.

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Rekonstruierte Galerie Dada in der Ausstellung

Zürich war 1916 eine europäische Flüchtlingsmetropole, in der sich Intellektuelle aus ganz Europa trafen.  Die Ausstellung widmet sich auch dem intellektuellen Umfeld, in dem Dada entstand. Die Dadaisten beschäftigten sich zum Beispiel mit Nietzsche, Freud oder Einstein.

Leider zu abstrakt

Das allerdings bleibt leider etwas abstrakt. Die zahlreichen Einflüsse aus Wissenschaft und Literatur hat Cabaret Voltaire-Direktor Notz in akribischen Diagrammen festgehalten. Die haben selbst schon Kunstwerk-Charakter. Informativ sind sie aber nur, wenn man als Besucher schon Vorkenntnisse mitbringt. Aber der normale Besucher kommt doch, weil er etwas erfahren will und nicht, weil er schon Bescheid weiß. Immerhin sollen aber in der Ausstellung Studenten des Kunsthistorischen Instituts der Universität Mainz den Besuchern als Kunstvermittler zur Verfügung stehen. Und es gibt auch einen Film, in dem der Besucher einiges über Dada erfährt.

Zeitgleich zur Dada-Ausstellung findet im Arp Museum die Schau „Seepferdchen und Flugfische“ statt. Hier werden Werke von Stipendiatinnen und Stipendiaten des Künstlerhauses Balmoral und des Landes Rheinland-Pfalz gezeigt, die sich mit dem Dadaismus auseinandersetzen.

www.arpmuseum.org

 

 

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Die geheime Ordnung im Chaos

Der Kölner Fotograf Boris Becker im LVR-Landesmuseum Bonn

Der Kölner Fotograf Boris Becker gilt als einer der wichtigsten deutschen Foto-Künstler der Gegenwart. (Und nein, er hat rein gar nichts mit dem Tennis-Star zu tun.) Seine Kamera deckt Strukturen auf, die dem Betrachter auf den ersten Blick nicht auffallen würden: Er macht die Ordnung im Durcheinander sichtbar.

Kurmuschel
Kurmuschel

Eigentlich herrscht ja eine unglaubliche Unordnung: Halb abgerissene Gebäude stehen in der Landschaft, ein aufgeschnittener Schiffsrumpf liegt auf dem Trockenen und die Regale einer Küche quellen über mit Krimskrams. Auf den ersten Blick ist es eine ungeordnete Welt, die Boris Becker in seinen großformatigen Bildern festhält. Doch der Schein trügt. Die Arbeiten des 1961 geborenen Künstlers machen eine geheime Ordnung hinter dem Chaos sichtbar. Unter dem Titel „Staged Confusion“ sind die Bilder bis zum 20. März im LVR-Landesmuseum Bonn zu sehen.

Was gibt’s zu sehen?

Mit „inszeniertem Durcheinander“ übersetzt Becker das Thema der Schau, die rund 50 größtenteils in den vergangenen fünf Jahren entstandene Arbeiten zeigt. Becker, der ähnlich wie viele seiner Kollegen in der Vergangenheit auch in thematischen Serien gearbeitet hat, rückt mit der Bonner Schau von diesem Konzept ab. Die Bilder stammen aus unterschiedlichen Themenbereichen. Dennoch verbindet sie ein innerer Zusammenhalt durch den besonderen Blick des Künstlers auf die Dinge.

Zeebrugge
Zeebrugge

Bildhauerische Leistung eines anonymen Ingenieurs

Beckers Kamera spürt dort Strukturen auf, wo auf den ersten Blick nur Durcheinander zu herrschen scheint. Völlig deplaziert wirkt aus der Nähe betrachtet ein quer aufgeschnittener Schiffsrumpf, der wie ein gestrandeter Wal in einer Werft in Zeebrugge liegt. Becker hatte einen Fernsehbericht über die Demontage des geborgenen Frachters gesehen, der bei einem Schiffsunglück im Ärmelkanal gesunken war. „Ich wusste sofort, das will ich fotografieren.“ Der Querschnitt durch den Rumpf zeigt bei genauerer Betrachtung die durcheinander gewirbelten „Innereien“ des Schiffs: In den Decks eingeklemmte Autowracks und ein Gewirr von Rohren und Leitungen. Mit etwas Abstand springt die Form des Kolosses ins Auge, die an der Seite, an der sich die Auswölbung des Kiels befindet, vor dem Hintergrund des blauen Himmels wie ein Pfeil in die Ferne hinaus aufs Meer zu zeigen scheint. „Die bildhauerische Leistung eines anonymen Ingenieurs“, findet der Fotograf.

 

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Syrien Aleppo

Aleppo und die Oper: Wie sich Bilder mit Bedeutung aufladen

Becker legt Wert darauf, den Betrachter nicht in eine Richtung zu drängen. „Meine Bilder sind völlig wertfrei.“ Dennoch erhalten sie manchmal eine Bedeutung, die der Fotograf gar nicht absehen konnte. Als Becker 2010 im Morgenlicht das Gewirr der Parabolantennen auf den Dächern der syrischen Stadt Aleppo fotografierte, konnte er nicht ahnen, dass die Stadt fünf Jahre später durch Kämpfe verwüstet sein würde. Heute ruft das Bild beim Betrachter sofort Gedanken an Krieg und Flüchtlingsproblematik hervor. Ähnlich ist es mit der Baustelle der Kölner Oper, die Becker 2013 fotografierte. Damals schien mit der Sanierung des Gebäudes noch alles nach Plan zu laufen. Heute ist die Baustelle Sinnbild für Kostenexplosion und Verzögerung eines städtischen Projekts.

 

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Opernhaus Köln

Spiel mit den Grenzen der Fotografie

Becker, der in den 80er Jahren Meisterschüler bei Bernd Becher an der Düsseldorfer Kunstakademie war, legt mit seinen Bildern Strukturen frei, die erst durch seine Kamera sichtbar werden. Doch der Fotograf stößt auch an die Grenzen des Mediums und spielt damit. So bei seiner Serie „Fakes“, für die er vom Zoll konfiszierte Gegenstände ablichtete, in denen Drogen geschmuggelt wurden. Die Bonner Schau zeigt daraus das Foto einer Festplatte. Das Durcheinander von Schaltkreisen war lediglich die Tarnung für eine Ladung Kokain, die der Zoll darunter entdeckte. Hier scheitere die Fotografie, sagt Becker. „Sie prallt an dem Gegenstand ab.“ Denn ohne Erklärung gibt das Bild keinerlei Aufschluss darüber, welchen Zweck die Festplatte erfüllte.

www.landesmuseum-bonn.lvr.de