Ein Weihnachtsbaum auf dem Nachttisch

Das Käthe Kollwitz Museum in Köln mit neuer Sammlungspräsentation

Heiligabend 1917: Zum vierten Mal stellt Käthe Kollwitz einen kleinen Weihnachtsbaum neben dem Bett ihres Sohnes Peter auf.

Das tut sie jedes Jahr, seit der 18jährige 1914 in den ersten Kriegstagen getötet wurde. Immer trägt der Baum so viele Kerzen wie Peter alt wäre. Ein trübes Weihnachtsfest, mitten im Krieg: Käthe Kollwitz hält die Stimmung in der Zeichnung „Eltern am Weihnachtsbaum“ wieder: Wie verkohlt steht das schwarze Gerippe des Baumes in der Mitte des Zimmers. Seine wenigen Kerzen schaffen es kaum, die dunkle Stube zu erhellen. Links und rechts sitzen der zusammengesunkene Vater und die mit leerem Blick starrende Mutter.

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Eltern am Weihnachtsbaum 1917

 

Was gibt’s zu sehen?

Die Weihnachtsszene ist eine der Zeichnungen, die das Käthe Kollwitz Museum in Köln für seine neue Sammlungspräsentation aus dem Depot ans Licht geholt hat. Unter dem Titel „…ich will wahr sein, echt und ungefärbt“ sind bis zum  3. Februar 200 Handzeichnungen, Druckgraphiken, Skulpturen und Plakate aus allen Schaffensperioden der Künstlerin zu sehen.

Käthe Kollwitz (1867-1945) wird ja vielfach Kitsch vorgeworfen. Ihre zahlreichen Darstellungen inniger Verbundenheit von Mutter und Kind, oder ihre Zeichnungen von armen Kindern in den Suppenküchen des Berliner Arbeiterviertels Prenzlauer Berg sind so manchem modernen Kunstliebhaber „zu dick aufgetragen“. Was heute einigen Betrachtern als Sozialromantik erscheinen mag, war aber zu Lebzeiten Käthe Kollwitz‘ ganz einfach Realismus. Die Künstlerin, die mit einem Kassenarzt verheiratet war, der viele arme Menschen behandelte, zeichnete schlicht das, was sie in ihrer Umgebung erlebte.

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Selbstbildnis 1924

 

Und sie war eine fabelhafte Zeichnerin. Die neue Präsentation der weltweit größten Kollwitz-Sammlung in Köln zeigt die gesamte Palette ihres Könnens: Eine umfangreiche Serie von Selbstporträts, die großen druckgraphischen Zyklen, durch die Käthe Kollwitz Weltruhm erlangte sowie ihre Arbeiterbildnisse, Plakate oder Flugschriften, die das soziale und gesellschaftliche Engagement der Künstlerin belegen. Außerdem werden zahlreiche Familienbilder und Mutter-Kind-Gruppen ausgestellt, für die Kollwitz bekannt wurde.

Einblick in die Entstehungsgeschichten

Das Besondere an der neuen Präsentation aber ist, dass sie die Entstehungsgeschichte von Werken nachvollziehbar macht. Museumsdirektorin Hannelore Fischer konnte dabei aus dem Vollen schöpfen. Denn die Sammlung umfasst zahlreiche Entwürfe und so genannte Zustandsdrucke, also Probearbeiten. Die Entwürfe neben den endgültigen Drucken zeigen, wie Kollwitz ihre Drucke immer wieder zunächst mit Deckweiß korrigierte und dann Änderungen vornahm.

So etwa bei der Serie „Tod, Frau und Kind“. Bereits 1910 bangte Kollwitz um das Leben des später gefallenen Sohnes, als er schwer an Diphterie erkrankt war. Ihre Zeichnungen und Radierungen zu diesem Thema zeigen Kind und Mutter mit aneinander geschmiegten Gesichtern und einen lauernden Tod, der das Kind mit sich fortzureißen droht.

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Schlafende mit Kind 1929

 

Doch Kollwitz betrachtet in ihren Bildern nicht nur den Tod, sondern feiert auch das Leben. Die Schwangerschaft ihrer Schwiegertochter Ottilie inspiriert sie zu der Serie „Maria und Elisabeth“. Damit nimmt sie Bezug auf den Bericht des Evangelisten Lukas von der mit Jesus schwangeren Maria, die ihre Verwandte Elisabeth besuchte. Diese war mit Johannes, dem späteren Täufer, schwanger. Zu diesem Thema zeigt das Museum gleich mehrere Holzschnitte und Vorzeichnungen, die die Entwicklung der Bildidee dokumentieren. In Kollwitz‘ Darstellung trägt Elisabeth deutlich ihre eigenen Gesichtszüge, während Maria Ottilie gleicht.

Fazit

Der Weg in die Sammlung lohnt sich. Vielleicht als Abwechslung zum Weihnachtsshopping? Denn das Museum liegt etwas versteckt über dem Einkaufszentrum am Neumarkt. Die Fahrt mit dem gläsernen Aufzug am Haus der Kölner Kreissparkasse in den vierten Stock lohnt sich.

 

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