Gefühle sind Tatsachen

Joan Mitchell (1925-1992) gilt nicht nur als eine der bedeutendsten Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts. Sie war auch eine faszinierende Persönlichkeit. Beides zeigt die Ausstellung im Museum Ludwig in Köln.

Wer kennt sie nicht, die großen Namen der pulsierenden New Yorker Kunstszene der Nachkriegszeit? Jackson Pollock, Willem de Kooning oder Mark Rothko sind allgemein bekannt. Doch was ist mit Joan Mitchell? Tatsächlich erzielen ihre Bilder inzwischen Preise in Millionenhöhe. Die Anerkennung einer breiten Öffentlichkeit blieb jedoch bis heute aus.

„Joan Mitchell hat nicht die Bedeutung, die sie verdient“, stellt der Direktor des Museum Ludwig, Yilmaz Dziewior, fest. Das, so hofft Dziewior, wird sich mit der Werkschau „Joan Mitchell“ ändern, die bis zum 21. Februar in dem Kölner Museum zu sehen ist.

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The sky is blue, the grass is green (1972)

Als Joan Mitchell 1950 nach New York zieht, weiß sie sehr schnell, was sie will: Franz Kline, Willem de Kooning, Jackson Pollock und Hans Hofmann hatten es ihr angetan. „Ich fand sie wunderbar“, erinnert sie sich später. Die junge Künstlerin ist fasziniert vom Abstrakten Expressionismus und schafft es, rasch in den Zirkel der so genannten New York School aufgenommen zu werden – als eine der wenigen Frauen. Dennoch zog sie Ende der 50er Jahre nach Frankreich, wo sie bis zu ihrem Tod lebte.

Was gibt`s zu sehen?

Ganz ehrlich: Viele Besucher werden di 29 großformatigen Gemälde Mitchells im Museum Ludwig als wildes „Krikelkrakel“ empfinden. Nicht selten wird der Satz fallen: „Das kann ich auch.“ Doch auf mich haben die Werke eine ganz eigene Faszination ausgeübt. Es ist eben nicht nur wildes Gepinsel. Allerdings ist schwer zu beschreiben, was das Berührende an diesen meterhohen abstrakten Gemälden ist. Joan Mitchell selbst lehnte es strikt ab, ihre Bilder in irgendeiner Form zu deuten, weil das, was dort ausgedrückt ist, nicht in Worte zu fassen sei. Mitchell malte nach eigenem Bekunden nur, wenn sie etwas fühlte. „Gefühle sind Tatsachen“, sagte sie einmal. Und diese Tatsachen existierten sichtbar nur als Bild.

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Ladybug (1957)

Die chronologisch aufgebaute Ausstellung empfängt den Besucher mit einem Schüsselwerk aus dem Museum of Modern Art: „Ladybug“ von 1957. Joan Mitchell malte das Bild nach einem Konzert von Billie Holyday und widmete es der Jazz-Sängerin. „Dies war eines der ersten Bilder mit eigener Handschrift“, sagt Dziewior, der die Ausstellung auch kuratiert hat. Anfang der 50er Jahre sind noch figurative Elemente in Mitchells Bildern zu entdecken, die mit ihren spitz zulaufenden Formen an den Expressionisten Ernst Ludwig Kirchner erinnern. In „Ladybug“ haben sich die figurativen Elemente in rhythmische Pinselstriche aufgelöst. Die Musik und vor allem der Jazz wird fortan eine wichtige Inspirationsquelle für Mitchell bleiben.

1959 zieht sich Mitchell aus der New Yorker Kunstszene zurück. Mittlerweile ist sie von ihrem ersten Mann, Barney Rosset, geschieden. Nach wiederholten Aufenthalten in Paris siedelt sie endgültig in die französische Hauptstadt über, wo sie mit dem Maler Jean-Paul Riopelle zusammenlebt. Ihre Maltechnik entwickelt sie weiter, indem sie die Farbe so verwischt, so dass nebelhaft wirkende Partien entstehen.

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Closed Territory (1973)

Als Mitchell 1967 von Paris nach Vétheuil aufs Land zieht,  wird die Natur verstärkt zur Inspirationsquelle. In „Closed Territory“ sorgen orange und blaue Flächen für einen fröhlichen Kontrast. In „A small garden“ dominiert freundliches Gelb. Die großzügigeren Platzverhältnisse in ihrem neuen Atelier ermöglichen es Mitchell zudem, ihre Formate noch einmal zu vergrößern. Sie malt riesige vierteilige Bilder. Vier davon zeigt die Schau in einem eigenen Raum, der genug Platz bietet, um die Tiefe der Bilder zur Geltung kommen zu lassen.

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Un jardin pour Audrey (1975)

Erstaunlich sind Mitchells letzte Bilder, die hell und luftig wirken mit leuchtenden Farben auf weißem Grund. Die Malerin war in dieser Zeit bereits schwer krank, gezeichnet von Alkoholismus, Arthritis und Krebs. Dennoch scheint sie die Freude am Leben und an der Malerei bis zuletzt nicht verlassen zu haben. Eines ihrer letzten Bilder heißt „Merci“: Vielleicht ein Dankeschön an ihre zweite Heimat Frankreich, denn das luftige Bild ist in den Farben der Tricolore gemalt.

Die Kölner Schau zeigt Mitchell nicht nur als Malerin, sondern widmet sich auch ihrer starken und schillernden Persönlichkeit. Ein Film und ein Interview geben Einblick in ihre Denkweise. Fotos und Korrespondenz mit Künstlern ihrer Zeit geben Einblick in ihr turbulentes Leben.

http://www.museum-ludwig.de

 

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Konzeptkunst mit britischem Humor

Ceal Floyer im Kunstmuseum Bonn

Ceal Floyers Arbeiten erschließen sich meist erst auf den zweiten oder dritten Blick. Britisches Understatement, könnte man sagen. Auch die Künstlerin selbst schien sich bei der Ausstellungseröffnung fast hinter den Besuchern verstecken zu wollen, während die Kuratoren über ihre Werke sprachen. Dabei ist die Schau in Bonn die bisher größte der in Berlin lebenden Britin.

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Helix

Was gibt’s zu sehen?

Bis zum 10. Januar sind 19 Werke zu sehen. Ceal Floyer spielt mit der Umkehrung gewohnter Wahrnehmungsmuster. An manchen Arbeiten geht man zunächst achtlos vorbei, bevor man dann stutzt. So zum Beispiel an der weiten, geschwungenen Treppe im Foyer des Kunstmuseum Bonn, die Floyer sich für eine Arbeit zunutze gemacht hat. Auf dieser Treppe ist schon mancher Besucher gestrauchelt. „Es gab leider schon ein paar Unfälle“, bedauert eine Museumsaufsicht. Doch nun werden die Besucher gewarnt. Jede einzelne, der in den ersten Stock führenden Stufen ist mit dem Warnhinweis „Vorsicht Stufe“ gekennzeichnet. Erst auf den zweiten Blick wundern sich Besucher über diese übertriebene Vorsichtsmaßnahme, die sich dann auf den dritten Blick als Kunst entpuppt. – Typisch für die Arbeiten von Ceal Floyer.

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Vorsicht Stufe

Floyer, Jahrgang 1968, lässt alltägliche Gegenstände in neuem Licht erscheinen. Wer durch die Ausstellung geht, sollte sich Zeit nehmen und die Sinne schärfen für ihren zurückhaltenden britischen Humor. Viele Arbeiten erschließen sich erst bei genauerem Hinsehen. Fast ist es so, als wollten sich einige Werke der kleinen, zierlichen Künstlerin verstecken. Zeit erfordert zum Beispiel die Videoarbeit „Drops“, die zeigt, wie sich unendlich langsam Tropfen an einer Regenrinne bilden und herunterfallen.

Einen großen Ausstellungsraum für sich alleine hat das Werk mit dem Titel „Light Switch“ (Lichtschalter). In dem abgedunkelten Raum wird das Foto eines Lichtschalters in Originalgröße an eine Wand projiziert. Es entsteht auf den ersten Blick der Eindruck eines echten Lichtschalters. Erst dann fällt der Groschen: Hier sind die Lichtverhältnisse umgekehrt worden. Der Lichtschalter ist hell erleuchtet, während der Raum dunkel ist. Floyer führt die Wahrnehmung des Betrachters hinters Licht, macht diese Täuschung aber transparent. Der Projektor ist nicht versteckt, so dass die optische Täuschung zugleich aufgelöst wird.

Ähnlich ist es mit einem Sägeblatt, dass aus dem Boden ragt, als hätte es gerade ein Loch ins Parkett gesägt. Bei genauer Betrachtung ist der kreisrunde Einschnitt aufgemalt. Immer wieder trifft der Besucher an den Wänden auf kleine, hintersinnige Arbeiten – vorausgesetzt er schaut genau hin. So befindet sich die Videoarbeit „Unfinished“ in Höhe der Fußleiste. Zwei Hände drehen Däumchen: Die Geste eines Wartenden. Ob diese Hände wohl darauf warten, dass endlich die Tropfen der Videoinstallation „Drops“ fallen?

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Ceal Floyer in Bonn

Die Künstlerin

Ceal Floyer war mit ihren Werken bereits auf der Biennale von Venedig (2009), der Biennale in Singapore (2011) und der Documenta 13 (2012) vertreten war. Die eigens für das Bonner Kunstmuseum konzipierte Ausstellung umfasst Videoarbeiten, Lichtprojektionen, akustische Installationen, Fotografien und Skulpturen.

Fazit

Wie gesagt: Man muss sich auf den hintergründigen Humor von Floyers Kunst einlassen. Das ist sicher nicht jedermanns Sache. Allerdings kann man ja anschließend die unterhaltsame TeleGen-Ausstellung ein Stockwerk höher besuchen.