Zu Zweit durch die Zeit

Kaum zu glauben: So war die Welt, als ich Kind war. Das dachte ich, als ich die Ausstellung „Paare“ im LVR-Landesmuseum Bonn besuchte und Fotos aus den 70er Jahren sah. Gezeigt werden 120 Fotografien von Paaren aus den 70er Jahren und heute. Der Kontrast ist frappierend.

Hausfrau 34 + Kaufmann für Überseehölzer 44 © Beate Rose                              Gärtnerin 49 + Gärtner 53 © Nadine Preiß+Damian Zimmernann

Was gibt’s zu sehen?

Die rund 40 Jahre alten Paar-Fotos stammen von Beate Rose, die mit ihrem Foto-Projekt Anfang der 70er Jahre Aufsehen erregt hatte. Die Kölner Fotografen Damian Zimmermann und Nadine Preiß starteten nun eine Neuauflage des Projekts. Sowohl Rose als auch die beiden Kölner Fotografen nahmen die Paare vor einem neutralen, weißen Hintergrund auf. Wichtig war ihnen, dass die Fotos nicht arrangiert sind. Die Paare bekamen keinerlei Regieanweisungen und konnten sich kleiden und positionieren, wie es ihnen gut erschien. Der Betrachter erfährt lediglich Alter und Beruf der abgelichteten Männer und Frauen.

Fotografen
Nadine Preiß, Beate Rose und Damian Zimmermann bei der Ausstellungseröffnung

Die aktuellen und die alten Bilder hängen teilweise in direktem Dialog nebeneinander. Dabei wird deutlich: Die Paare aus den 70er Jahren und die von heute lassen sich nicht nur an der unterschiedlichen Kleidung sofort identifizieren. Nur ein Blick reicht, um zu sehen, wie viel sich seitdem in unserer Gesellschaft verändert hat.

Hausfrau (Buchhalterin) 24 + Sparkassenangestellter 26 © Beate Rose                                          Schülerin 14 + Schüler 17 © Nadine Preiß+Damian Zimmernann

Das fällt auf

Während Roses Paare meist nebeneinander stehen, sich oft gar nicht berühren, präsentieren sich die modernen Paare vielfach eng umschlungen. Die Paare von heute pressten sich oft regelrecht aneinander, stellt Preiß fest. „Die Frage ist, warum tut man das?“ Die distanziertere Körperhaltung in den 70er Jahren zeuge nicht zwingend von einer weniger innigen Beziehung, meint die Fotografin. Heutige Paare seien selbstbewusster und trauten sich eher, ihre Gefühle zu zeigen. Aber vielleicht ist man auch unsicherer und will sich des anderen einfach mehr versichern? Schließlich werden Beziehungen heute nicht mehr so für die Ewigkeit geschlossen wie in den 70er Jahren, als Scheidung oder „Ehe ohne Trauschein“ noch ein Tabu waren.

Hausfrauen gibt es nicht mehr

Und es wird deutlich, wie sehr sich die Rollenbilder in den vergangenen 40 Jahren geändert haben. Schließlich ist es heute unvorstellbar, dass eine Frau ihren Ehemann fragen muss, ob sie berufstätig sein darf. Als Beate Rose 1971 ihre Paar-Fotos aufnahm, war das noch Gesetz! Kein Wunder also, dass damals ein Großteil der Frauen als Berufsbezeichnung „Hausfrau“ angab. In dieser Rolle will sich heutzutage kaum noch eine Frau sehen. Fast alle geben Berufe an, bestenfalls taucht einmal der Zusatz „Mutter“ auf. In den 70er Jahren ebenfalls noch völlig undenkbar: Preiß und Zimmermann porträtierten auch einige gleichgeschlechtliche Paare.

Landwirtsfrau 79 + Landwirt 84 © Beate Rose                                       Rentnerin (Buchbinderin) 81 + Rentner (Hafenarbeit) 83 © Nadine Preiß+Damian Zimmernann

Paarweises Styling

Auffällig: Heutige Paare verbindet häufig ein ähnlicher Kleidungsstil. Vor 40 Jahren war Styling noch kein Thema. Er trug meist Anzug, sie Rock oder Kleid. Heute gibt es viel mehr Möglichkeiten, auch bei der Kleidung einen individuellen Stil zu pflegen. Und Paare tun das oft gemeinsam, um damit ihre Lebenshaltung auszudrücken. Da ist etwa das tätowierte schwarz gekleidete Paar, das lange Kreuz-Ketten um den Hals trägt. Eine Controllerin und ein Verleger lassen sich gemeinsam im Trenchcoat ablichten, ein Paar in den 30ern tritt in Ringelshirts auf, ein anderes trägt derbes Schuhwerk zu lässigen Baggy Pants.

Und wie sehen wir aus?

Paare, die sich am Ende dieser aufschlussreichen und unterhaltsamen Ausstellung selbst einmal auf den Prüfstand stellen wollen, können das noch vor Ort tun. Eine Fotostation mit Selbstauslöser macht Porträt-Bilder. Die Fotos können die Besucher ausdrucken und für 50 Cent mit nach Hause nehmen.

www.landesmuseum-bonn.lvr.de

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Ich glotz‘ TV

Die Kunst des Fernsehens im Kunstmuseum Bonn

Fernsehen im Museum? Jawohl! Und das im Namen der Kunst. Wo? Im Kunstmuseum Bonn läuft bis zum 17. Januar die sehr unterhaltsame Ausstellung „TeleGen. Kunst und Fernsehen“. Dabei geht es um die Reaktion der Kunst auf die übermächtige Gegenwart des TV.

Heute sind rasche Bildfolgen und Nachrichten in Echtzeit völlig normal. Doch es ist noch gar nicht so lange her, dass das Fernsehen die Sehgewohnheiten völlig durcheinander wirbelte. Diese Entwicklung begann in den 60er Jahren. Und die Kunst, die ja nun einmal davon lebt, dass sie gesehen wird, musste darauf reagieren. Es ist wirklich interessant, wie viele Künstler sich an dem Thema abarbeiteten. Das führt die Ausstellung im Kunstmuseum vor Augen.

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Gezeigt werden Werke von 44 Künstlern von den frühen 60er Jahren bis in die Gegenwart, darunter Andy Warhol, Dennis Hopper, Günther Uecker, Christoph Schlingensief oder K.O. Goetz. Auch einige ganz neue Arbeiten, die eigens für die Bonner Schau entstanden, sind zu sehen. Das Interessante: Die Auseinandersetzung mit dem Medium Fernsehen geht durch alle Genres von der Malerei über die Skulptur bis zur Videokunst. Und es hat durchaus den Anschein, dass die Übergewalt des Mediums Fernsehen bei Künstlern ein Bedürfnis zur Abwehr auslöst. Einen physischen Angriff startete zum Beispiel Günther Uecker, der ein TV-Gerät mit Nägeln spickte.

Subtiler ging die von Mel Chin initiierte Künstlergruppe Gala Committee vor. Sie griffen „von innen“ in das hermetische System einer Fernsehproduktion ein. Den Künstlern gelang es, die in den 90er Jahren beliebte Serie „Melrose Place“ zu infiltrieren. Sie schleusten insgesamt 150 als Requisiten getarnte Kunstwerke in das Filmset der Serie ein. So stand dann plötzlich in der Kulisse einer Bar eine Bierflasche mit der Aufschrift „Dad be Wiser“ anstelle von „Budweiser“. Im Kunstmuseum sind Filmausschnitte mit den „Fakes“ in der originalen Bar-Kulisse zu sehen.

Andere Künstler rackerten sich eher daran ab, die Optik des Fernsehens nachzubilden. Den Einfluss des gerasterten Fernsehbildes auf die Malerei dokumentiert K.O. Goetz‘ Arbeit „Density 10:3:2:1“. Er hatte sich Anfang der 60er Jahre zum Ziel gesetzt, das aus rund 400.000 Bildpunkten bestehende Fernsehbild malerisch herzustellen. Goetz experimentierte mit statistisch-metrischen Modulationen und Rasterbildern. Mit Hilfe seiner Studenten fertigte er ein Raster an, das durch Abfilmen ein scheinbar bewegtes, rauschendes, elektronisches Bild ergibt: Fernsehen einmal umgekehrt.

Bruce Connor verdichtete in den 60er Jahren Schnipsel aus der Berichterstattung über das Attentat auf den US-Präsidenten zu einer Bewegtbildkomposition. Gleich daneben erstarren die Fernseheindrücke in Andy Warhols Siebdruck-Serie über das Kennedy-Attentat zu Standbildern.

In jüngster Zeit setzen sich Künstler aber eher kritisch mit der Entwicklung des Fernsehens auseinander. Stefan Hurtig etwa nimmt sich die Sendung „Germany‘s next Top Model“ vor und den darin von Star Model und Moderatorin Heidi Klum in jeder Sendung wiederholten Satz „Ich habe leider heute kein Foto für dich“. Er bedeutet das Ausscheiden für eine der Model-Kandidatinnen der Sendung. Gesprochen wird der Satz in unterschiedlichen Varianten von einem roten Mund, der auf einem an Ketten von der Decke herabhängenden Bildschirm erscheint: Ein Sinnbild in Ketten gelegter, erstarrter TV-Rituale.

Hurtig_Challenge (leider kein foto)

Das Münchner Künstlerduo M+M (Martin de Mattia und Marc Weis) ging den umgekehrten Weg und ließ bewegte Fernsehbilder erstarren, um ihre Wirkung zu verdeutlichen. Sie füllten in der für die Bonner Ausstellung aktualisierten Arbeit „Panic Eck“ zwei Wände mit Bild- und Textfragmenten aus der Rede Wladimir Putins auf der Sicherheitskonferenz in München 2007. Damals schockierte der russische Präsident mit seiner aggressiven Rhetorik.

In die Fotowände betteten M+M Filmsequenzen aus Nachrichtensendungen ein, die in einzelne, kleine Bilder zerlegt wurden. Diese hinter Plexiglas gelegten Filmbilder gleichen aus der Entfernung abstrakten Collagen. Erst bei näherer Betrachtung ist das einzelne Bild sichtbar. Die Bilderflut, der Fernsehzuschauer ausgesetzt sind, wird auf diese Weise physisch erfahrbar.

http://www.kunstmuseum-bonn.de

Japans Liebe zum Impressionismus

Die Bundeskunsthalle zeigt Meisterwerke von Monet bis Renoir

Schon spannend, wie aufwendig der Aufbau einer Ausstellung ist. Das konnte ich am Beispiel der Impressionisten-Schau in der Bundeskunsthalle in Bonn wieder einmal beobachten, als ich schon vorab einen Blick hinein werfen durfte. Von wegen: Einfach Bilder auspacken und aufhängen. Jedes Gemälde wird sorgfältig von Restauratoren begutachtet. Aber jetzt hängen die Bilder. Und der Aufwand hat sich gelohnt! Unter dem Titel „Japans Liebe zum Impressionismus. Von Monet bis Renoir“ sind bis zum 21. Februar rund 100 Meisterwerke zu sehen.

BKhalle

Wer ahnte, welche Schätze des Impressionismus sich in japanischen Museen befinden? Und dass die französischen Impressionisten und die Japaner eine gegenseitige Liebe verband? Als sich französische Freiluft-Maler sowie japanische Künstler und Sammler Ende des 19. Jahrhunderts gegenseitig entdeckten, waren beide fasziniert voneinander. Maler wie Claude Monet bewunderten „die subtile Ästhetik“ der japanischen Ukiyoe-Holzschnitte. Umgekehrt sprach die Freiluftmalerei der Impressionisten die Gefühlswelt der Japaner an. Und beides ergänzt sich hervorragend!

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts kauften japanische Sammler zahlreiche Meisterwerke von Malern wie Monet, Édouard Manet oder Pierre-Auguste Renoir. Viele der Gemälde, die jetzt in der Bundeskunsthalle gezeigt werden, sind damit erstmals wieder nach Europa zurückgekehrt.

Dabei zeigt sich: Französische und japanische Künstler beeinflussten sich gegenseitig. Zunächst waren es die französischen Maler, die sich vom japanischen Holzschnitt inspirieren ließen. Auguste Rodin, Pierre Bonnard, Paul Gauguin und vor allem Monet bewunderten und sammelten japanische Kunst. Am deutlichsten wird der Einfluss bei Monet, dessen Werke in der Ausstellung prominent vertreten sind. Zu sehen sind typische Monet-Motive wie etwa Seerosen oder Felsen im schäumendem Meer. Der Blick auf die bekannten Sujets erfährt aber mit der Gegenüberstellung der japanischen Kunst eine Erweiterung, weil sich bei Bildaufbau und Motiven deutliche Bezüge herstellen lassen.

Anders als die Ausstellung im Essener Museum Folkwang, die bis Anfang des Jahres zu sehen war, steht in Bonn aber nicht die Inspiration der französischen Maler durch den Japonismus im Mittelpunkt. Der Blick geht auch in die entgegen gesetzte Richtung und zeigt die Rezeption der europäischen Kunst der frühen Moderne in Japan. Zu sehen sind Gemälde japanischer Künstler, die verblüffend impressionistisch aussehen.

http://www.bundeskunsthalle.de