Ein Leben für die Zeit

Die Bundeskunsthalle zeigt eine Retrospektive von Hanne Darboven

Hanne Darboven gilt als eine der weltweit wichtigsten Konzeptkünstlerinnen – und als spröde und schwer verständlich. Denn ein Großteil ihres Werkes besteht aus Zahlenkolonnen. Was das mit Kunst zu tun hat?

Zeit ist unsichtbar. Sie kommt und geht. Klar, es gibt Bilder, Filme oder Dokumente, die Ereignisse und Entwicklungen festhalten. Aber was ist mit den vielen Stunden, Tagen, Monaten und Jahren, die dazwischen liegen? Wer hält die Dauer als solche fest? Hanne Darboven hat es versucht.

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Die Zeit in Zahlen

Darboven, die 2009 im Alter von 67 Jahren starb, widmete ihr Leben ganz und gar der Aufgabe, Zeit darzustellen. Womit? Zahlenkolonnen: Darboven entwickelte abstrakte Aufschreibesysteme, die sich aus Kalenderdaten und deren Quersummen zusammensetzen. Sie schuf auf diese Art und Weise serielle Werke aus Zahlenreihen, die bestimmte Zeitabschnitte abbilden. Das ist zugegebenermaßen eine Kunst, die dem Betrachter ein hohes Maß abstrakten Denkens abverlangt. Das geht nur, wenn man auf Darbovens Denkweise einlässt. Am besten beginnt man mit dem Dokumentarfilm über die Künstlerin, der in der Ausstellung gezeigt wird. Danach wurde mir klar: Diese Frau hat ihr Leben und ihre Lebenszeit zu einem Gesamtkunstwerk gemacht.

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Um fünf Uhr morgens im Anzug zur Arbeit

Und sie war ungeheuer diszipliniert. Darboven, die einer wohlhabenden Hamburger Kaufmannsfamilie entstammte, lebte abgeschieden in einem alten Backstein-Gutshaus am Rande Hamburgs. Streng sieht sie aus mit ihren stoppelkurzen Haaren, stets in Männeranzüge gekleidet und mit einer Zigarette in der Hand. Bereits um fünf Uhr morgens saß Darboven an ihrem mit Kuriositäten überhäuften Schreibtisch, (der auch in der Ausstellung zu sehen ist), und arbeitete.

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Neun Meter hohe Wände

50 Werke zeigt die Bundeskunsthalle. Und die bestehen aus 11.800 Einzelexponaten. Allein zur Arbeit „Weltansichten 00-99“, die zwischen 1975 und 1980 entstand, gehören 5300 Einzelblätter. Jeder einzelne Tag ist durch eine Datumsrechnung dargestellt. Ergänzt werden die Zahlenkolonnen durch eine Postkartenserie aus dem 19. Jahrhundert, die berühmte Bauwerke, ikonische Landschaften und andere Sehenswürdigkeiten zeigt. Das Format der Arbeit ist gigantisch. Sie füllt zwei neun Meter hohe Wände.

Bismarck und Brandt

Neben dieser quantitativen Darstellung der Zeit bemühte sich Darboven aber auch, die Verbindung zwischen Epochen sichtbar zu machen. So etwa in der Arbeit „Bismarckzeit“ (1979). Darin verknüpft sie die Zeit des früheren Reichskanzlers Otto von Bismarck mit der Gegenwart ein Jahrhundert später. Das Werk verwebt literarische, biografische und politische Texte. Abschnitten einer Bismarck-Biografie stellt Darboven zum Beispiel einen Aufsatz des früheren Bundeskanzlers Willy Brandt über Bismarcks „Anti-Sozialistengesetze“ gegenüber.

Die Ausstellung ist Dienstag und Mittwoch von 10 bis 21 Uhr und Donnerstag bis Sonntag 10 bis 19 Uhr geöffnet.
http://www.bundeskunsthalle.de
Bundeskunsthalle, Friedrich-Ebert-Allee 4, 53113 Bonn

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Aufruhr im Lindenwald

Die Jungsteinzeit hat mehr mit uns zu tun als wir denken

Alle fünf Jahre gibt es eine Art Leistungsschau der Archäologie in Nordrhein-Westfalen. Dieses Mal findet sie im LVR-LandesMuseum Bonn statt – mit einigen spektakulären Exponaten.

Vor 12.000 Jahren im dicht bewachsenen Lindenwald zwischen Köln und Bonn: Axtschläge hallen durch das Dickicht, Bäume fallen krachend zu Boden. Für die Jäger und Sammler, die in diesem Gebiet unterwegs waren, muss das ein Horrorszenario gewesen sein. Ihre Welt geriet noch mehr aus den Fugen, als plötzlich seltsame Gebilde auf den Waldlichtungen standen, durch deren Öffnungen Menschen ein und aus gingen.

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Revolution in der Menschheitsgeschichte

Die ersten sesshaften Bauern waren in der Region eingetroffen. Sie wanderten aus Südosten in das heutige Nordrhein-Westfalen ein. „Und sie kamen mit einem ausgefeilten Konzept“, sagt der Kurator der Landesausstellung, Michael Schmauder. Diese Menschen wussten nämlich, wie man 30 Meter lange Häuser baut, Äcker anlegt und sie hatten Haustiere. Es war eine Revolution, oder wie Michael Schmauder sagt: „Das war der entscheidendste Wechsel in der Geschichte der Menschheit.“

Archäologen-Mekka NRW

Mehr über diesen Umsturz in der Menschheitsgeschichte erfährt man in der Landesausstellung mit dem Titel „REVOLUTION jungSTEINZEIT“. Und: In den vergangenen Jahren sind die Forscher in Nordrhein-Westfalen der Jungsteinzeit ein Stück näher gekommen. Das hat einen Grund. „Nordrhein-Westfalen ist eine der größten Ausgrabungsstätten der Welt“, sagt Museumsdirektorin Gabriele Uelsberg. Zum einen sei die fruchtbare Region seit Urzeiten bewohnt gewesen. Zum anderen hätten die Forscher durch zahlreiche Baumaßnahmen und den Braunkohle-Tagebau immer wieder Gelegenheit, neue Funde zu machen. Und die werden seit 25 Jahren alle fünf Jahre in einer Landesausstellung der Öffentlichkeit präsentiert.

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Die Klimaerwärmung begann in der Jungsteinzeit

Die Ausstellung zeigt mit rund 1.000 Objekten, wie rege die Ausgrabungs- und Forschungstätigkeit im Bundesland ist. Viele der Funde wurden bislang nicht ausgestellt. So etwa das erst jüngst geborgene Skelett eines Auerochsens. Er war noch von nicht-sesshaften mittelsteinzeitlichen Jägern und Sammlern erlegt worden. Was dann geschah, als von Südosten Bauern einwanderten, die in den Wäldern sesshaft wurden, dokumentiert die Ausstellung an hervorragenden, computeranimierten Bildern.

Luftbilder zeigen, wie zunächst Lichtungen im dichten Wald erscheinen, Häuser und kleine Siedlungen entstehen, später sind Wege erkennbar. Ein aktuelles Luftbild der heutigen, dicht besiedelten Landschaft zeigt: „Viele Probleme, die damals angelegt wurden, bestimmen unser Leben heute“, wie Schmauder erklärt. So sei nachweisbar, dass der Anstieg der Kohlendioxid-Konzentration in der Luft in der Jungsteinzeit begonnen habe.

Möglich wurde die Besiedelung der Wälder nur durch verbessertes Werkzeug. Mit Hilfe von Querbeilen gelang es den frühen Bauern, den Wald zu roden. Ein besonderer Glücksfall bei der Erforschung von Werkzeugen war für die Archäologen der Fund eines jungsteinzeitlichen Brunnens in Erkelenz-Kückhoven. In dem europaweit tiefsten Brunnenfund aus dieser Zeit hatten sich auch Holzgeräte erhalten, etwa eine so genannte Geweihaxt oder der Kopf eines Hammers. Wie die Häuser der Jugsteinzeit-Bauern aussahen, erfährt man durch lebensechte Bilder. Außerdem gibt es viele Medien- und Mitmachstationen.

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Der älteste Baum der Welt

In einem zweiten Abschnitt unter dem Titel „Funde – Forschungen – Methoden“ zeigt die Ausstellung weitere spektakuläre Funde der vergangenen fünf Jahre aus unterschiedlichen Epochen. Ein Sensationsfund sind versteinerte Pflanzen aus dem ersten Wald der Welt, der vor rund 390 Millionen Jahren auf dem Gebiet des heutigen Nordrhein-Westfalen wuchs.

Die bei Lindlar gefundenen Versteinerungen sind die weltweit ältesten komplett erhaltenen baumförmigen Pflanzen. Sie waren Vorfahren der Bäume, sind sehr viel kleiner und haben farnartige Blätter. Ein computeranimiertes Bild gibt einen naturgetreuen Eindruck der damaligen Landschaft wieder. Weitere Highlights sind unter anderem ein Flugsaurier mit 5 Metern Spannweite aus Balve und seltene Figuren eines römisches Kästchens aus Schildkrötenpanzer.

Die Ausstellung ist dienstags bis freitags und sonntags von 11 bis 18 Uhr sowie samstags von 13 bis 18 Uhr geöffnet.
http://www.landesmuseum-bonn.lvr.de
LVR-Landesmuseum
Colmantstr. 14-16
53115 Bonn

Ein Sammler räumt sein Haus leer

Der Mainzer Architekt Gerhard Meerwein hat ausgemistet. Seine Collagen-Sammlung schenkte er dem Arp Museum, das sich nun mit einer Ausstellung dafür bedankt.

Gerhard Meerwein hat eine große Leidenschaft: Collagen. Seit vier Jahrzehnten sammelt der Architekt. 370 Werke gehörten zuletzt zu seiner Sammlung, von der nur ein Teil an die Wände seines Hauses passte. Im Wohnzimmer hing Paul Steins Collage „Hauswand“ über dem Sofa. Die Zimmertür war eingerahmt von den beiden schwarz-weißen Papier-Werken von Angela Glajcar und Angela Tonner. Über der Treppe schwebten Werke von Gisela Kleinlein, Claudia Busching oder Ian Tyson und das Arbeitszimmer schmückten die humorvoll-ironischen Collagen von Daniel Ginelli.

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Am richtigen Platz

Das war einmal. Zu seinem 70. Geburtstag vermachte Meerwein seine bundesweit einzigartige Sammlung dem Arp Museum. Das zeigt nun rund 80 Arbeiten, unter anderem von Max Ernst, Joseph Beuys, Imi Knoebel, El Lissitzky und Wolf Vostel. „Die Arbeiten sind jetzt hier am richtigen Platz und ich weiß, sie fallen nicht in falsche Hände“, sagte Meerwein, als er zusammen mit Museumsdirektor Oliver Kornhoff die Ausstellung eröffnete.
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Er habe keine Erben, sagte Meerwein. Und der Gedanke, dass die mit viel Herzblut zusammengetragene Sammlung einmal auseinandergerissen und auf dem Kunstmarkt verkauft werden könnte, machte ihm zu schaffen. Deshalb sah er sich nach einem Ort um, an dem seine Werke sicher sind. „Das Arp Museum war mir die liebste Adresse“, sagt Meerwein. Denn schließlich seien die beiden Hauspatrone, Hans Arp und Sophie Taeuber-Arp, ja auch Urgesteine der Collage-Kunst gewesen.

Collagen statt Urlaub

Die Faszination der Collage liege für ihn in der Spannung zwischen dem Skizzenhaften und dem Fertigen, sagt Meerwein. „Andere Leute fahren in den Urlaub. Ich habe Collagen gekauft.“ Als Hommage an den leidenschaftlichen Sammler zeichnet die erste Ausstellung aus dem Collagen-Fundus anhand von Schlüsselwerken Meerweins Sammlertätigkeit nach. Empfangen wird der Besucher vom Schmetterlingskasten von Jiri Kolar, der ersten Collage, die Meerwein vor fast vier Jahrzehnten erwarb. Es waren diese aus dem Foto eines Frauengesichtes ausgeschnittenen Schmetterlinge, die Meerweins Sammelleidenschaft entfachten. Kolar taucht deshalb als Konstante in der Ausstellung immer wieder auf, etwa mit seinen mit typografischem Papiermaterial collagierten Früchten oder mit der Streifencollage aus dem Foto eines alten VW.

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Eigene Werke statt Sammlung

Eine Vorliebe zeigt Meerwein auch für die ironischen Collagen Daniel Ginellis. Der Künstler kombiniert zum Beispiel ein Foto des Papstes, auf dem dieser sich mit schmerzvoller Mine die Hand auf den Bauch legt, mit einer Packung Götterspeise-Pulver. Ein Mao-Bild wird mit Maoam-Kaubonbons collagiert und ein Foto Edmund Stoibers mit einem Staubtuch. Einer ähnlichen Technik bedient sich die Arbeit von Wolf Vostell „Dr. Oetker, Rote Grütze“ von 1969 – ein Werk mit bitterem Nachgeschmack. Die rot-gelbe Puddingpulver-Packung prangt mitten in schwarz-weißen Zeitungsfotos von Rudi Dutschke und seiner Frau – den letzten Bildern vor dem Anschlag auf den Studentenführer, wie die Überschrift sagt. Und was macht Meerwein nun mit den leeren Wänden in seinem Haus? Er habe selbst ein bisschen gearbeitet, sagt er bescheiden. Nun habe er endlich Platz seine eigenen Werke aufzuhängen.
Die Ausstellung ist bis zum 3. Januar zu sehen.

Geöffnet dienstags bis sonntags und an Feiertagen von 11 bis 18 Uhr.
Orte Hans-Arp-Allee 1, 53424 Remagen
http://www.arpmuseum.org

Hollywood in Brühl

US-Filmemacher Tim Burton stellt seine Kunst im Max Ernst Museum aus

New York, Paris, Tokio – und dann Brühl? Jawohl, nach Stationen in internationalen Großstädten macht die Ausstellung Tim Burtons nun Station in der kleinen Stadt zwischen Köln und Bonn. Burton, Schöpfer von Filmen wie „Batman“, „Edward mit den Scherenhänden“ oder „Beetlejuice“, präsentierte sich dort erstmals in Deutschland als bildender Künstler.

Ein Hauch von Hollywood wehte durch das Museum. Burton –ganz der Star – ließ erst einmal Museumsdirektor Achim Sommer und Kuratorin Jenny He vorsprechen. Presse und Fotografen mussten sich gedulden, bis Burton verspätet auf die Bühne rauschte.

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Kunst statt Knast

Dann allerdings beantwortete er geduldig auch merkwürdige Fragen wie diese: Ob er sich einen anderen Beruf hätte vorstellen können? „Nein, dann wäre ich wohl im Gefängnis gelandet“, bekannte er. Mit Blick auf die rund 630 Zeichnungen, Gemälde und Objekte in der Ausstellung leuchtet ein: Normal ist bei Tim Burton gar nichts. Menschen mit überlangen Spindelbeinen, Gehirne mit Augen oder kleine Männchen mit riesigen Kugelköpfen bevölkern Welt Tim Burtons. Kein Wunder: Das Wort „normal“ habe ihm immer schon Angst gemacht, bekennt der Filmemacher. So skurril, märchenhaft und unheimlich seine Filme sind, so ist auch sein künstlerisches Werk.

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Ein Schrank voll schmutziger Wäsche

Und warum zeigt er das ausgerechnet Brühl? Es war der Name Max Ernst und Burtons Nähe zur surrealistischen Kunst, die den Hollywood-Produzenten davon überzeugten, seine Kunst ausgerechnet in der kleinen Stadt zwischen Köln und Bonn zu zeigen. Die Möglichkeit, seine Werke im Dialog mit Max Ernst zu präsentieren, sei das besondere Willkommensgeschenk an Burton gewesen, sagt Museumsdirektor Sommer. Nicht zufällig fühlt sich Burton dem Surrealismus verbunden. In seinen Zeichnungen verschränken sich Realität und Traum. Es sei das reine Gefühl, das ihn beim Zeichnen leite, sagt Burton. Es scheint als erwecke er die Phantasiewesen aus seinem Unterbewusstsein auf dem Papier zum Leben. Die Ausstellung bietet daher durchaus einen intimen Blick in das Innenleben des Regisseurs, Autors und Filmemachers. Er sei selbst erschrocken gewesen, als er die Schau gesehen habe, bekennt Burton. „Es ist etwa so, als öffnest du deinen Kleiderschrank und die Leute können deine schmutzige Wäsche sehen.“

Brühl: Max Ernst Museum: Tim Burton Ausstellung

Filmideen auf Papierservietten

Woher kommen diese skurrilen und auch unheimlichen Phantasiegestalten, die seinem Kopf entspringen? Da wimmelt es von Monstern, seltsamen Tieren und unheimlichen Fratzen. Kunst habe damit zu tun, wie man sich als Kind gefühlt habe, erklärt Burton. „Das Gefühl der Isolation, des Alleinseins im eigenen Kopf ist etwas, das ich immer sehr stark empfunden habe.“ Viele seiner Zeichnungen zeigen kleine Männchen, die von riesenhaften Menschen bedroht werden.

Burton selbst hält sich nicht für einen großen Künstler. „Die Zeichnungen sind Teil meines Arbeitsprozesses.“ Seine Filmideen entstehen als Zeichnung, oft auf einer Serviette oder Zeitung, wenn nichts anderes zur Hand ist.

Burton, 1958 in Kalifornien geboren, studierte Trickfilmzeichnen und begann seine Karriere als Zeichner bei Disney. Seit 1984 dreht er eigene Filme. Seinen großen Durchbruch hatte er 1988 mit dem Film „Beetlejuice“. Zuletzt drehte er die Filmbiografie „Big Eyes“ über die Künstlerin Margaret Keane, die seit letztem Jahr in den Kinos läuft.
http://www.maxernstmuseum.lvr.de
Orte Comesstr.42, 50321 Brühl
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag von 11 bis 18 Uhr

Abstrakter Rokoko – das rockt!

Informel-Maler Hann Trier im LVR-LandesMuseum Bonn

Schon wieder ein Maler des Informel, dachte ich, als ich mich auf den Weg ins LVR-LandesMuseum machte. Nach K. O. Götz und Bernard Schultze jährt sich nun auch Hann Triers Geburtstag zum 100. Mal. Grund für eine Ausstellungs-Serie zu seinem Werk mit Auftakt in Bonn. Nun ist es ja nicht so, als wenn Deutschland, NRW und auch das Rheinland in letzter Zeit zu wenig Kunst des Informel gesehen hätte. Gerade laufen die Jubiläumsausstellungen zu Bernard Schultze Museum Kunstpalast in Düsseldorf, im Museum Ludwig in Köln und im Arp Museum Rolandseck. Ganz abgesehen von dem regelrechten K. O. Götz-Hype des vergangenen Jahres, dessen 100. Geburtstag bundesweit mit Museums-Ausstellungen begangen wurde – von der Neuen Nationalgalerie Berlin über Chemnitz, Wiesbaden, Duisburg und Düsseldorf.

Deckengemälde

Luftige Deckengemälde für ein Schloss

Und jetzt auch noch Hann Trier? Aber trotzdem: Die Ausstellung im LandesMuseum hat mir gefallen. Ein Grund sind die wunderbaren Entwürfe zum Deckengemälde im Schloss Charlottenburg. Die Deckenbemalung in dem Schloss hatte Trier 1972 begonnen. Die alte Rokoko-Decke war im Krieg zerstört worden und nicht gut genug dokumentiert gewesen, um sie originalgetreu zu rekonstruieren. Trier erhielt nach vielen Diskussionen und Kontroversen den Auftrag, die Decke neu zu bemalen. Und selbst die Entwürfe dazu finde ich phantastisch. Sie greifen Formen und Farben des Rokoko auf, haben die gleiche Leichtigkeit und Weite, aber bleiben dennoch abstrakt. Genial!

Trier liebte Rokoko-Kirchen, erzählte uns seine Witwe, Renate Mayntz. – Nicht eben das, was man von einem Informel-Maler erwartet. Schließlich sind die eher für wilde Farbschlieren. Die Informel-Bewegung entstand in der Nachkriegszeit und wollte sich sowohl von der gegenständlichen Malerei, als auch von der geometrischen Abstraktion abgrenzen. Kompositionsprinzipien wurden abgelehnt. Ähnlich wie andere Künstler des Informel betrachtete Trier Malerei zwar als intuitiv gesteuerten Prozess, in dem die spontane Geste und der Malvorgang selbst im Mittelpunkt stehen.

Trier malte mit beiden Händen gleichzeitig

Aber es gibt dann eben doch ein paar Eigenschaften, die Trier abheben. Er plante seine Bilder genau durch. Das zeigen Entwürfe in der Ausstellung, auf denen er Struktur und Farbgebung des späteren Gemäldes genau festlegt. Und seine Bilder sind zentriert und oft symmetrisch. Das kommt auch daher, dass er teilweise beidhändig malte. Er konnte nämlich mit der rechten und linken Hand gleich gut malen.

Ein Blick ins Atelier

Schön an der Ausstellung ist auch, dass man dem 1999 verstorbenen Künstler gleichsam über die Schulter schauen kann. Sein Atelier im Eifel-Ort Mechernich wurde fotografiert und die Bilder als Fototapete auf Wände gezogen. So entsteht, der Eindruck, als betrete man den Raum – zumal sein Original Maler-Wagen mit Farben und Pinseln davor steht. Renate Mayntz sagte, dass der Eindruck so echt war, dass sie den Impuls hatte, den Raum zu betreten.

Das geht allerdings nicht mehr. Denn die Witwe hat das Atelierhaus vor Kurzem verkauft. Allerdings wurde es eben vorher gründlich dokumentiert. Und vor allem wurde alles, was sich darin befand, archiviert. Der Nachlass wird nun im LandesMuseum aufgehoben. In der Ausstellung sind daher auch viele Arbeiten zu sehen, die erst vor Kurzem beim Ausmisten des Ateliers gefunden wurden.

Info:
Der unbekannte Trier. Hann Trier zum 100. Geburtstag
30. Juli-4.Oktober 2015
Öffnungszeiten: Dienstags bis freitags und sonntags von 11 bis 18 Uhr sowie samstags von 13 bis 18 Uhr
LVR-Landesmuseum Bonn, Colmantstr. 14-16, 53115 Bonn
Internet: http://www.landesmuseum-bonn.lvr.de
Wer dann noch nicht genug von Trier hat, kann auch noch ins Museum Ratingen fahren, wo bis zum 1. November sein Frühwerk gezeigt wird, oder nach Köln ins Käthe-Kollwitz-Museum, das vom 18. September bis 29. November Aquarelle des Künstlers präsentiert.

Kunst statt Kneipe

Das August Macke Haus in Bonn bekommt einen Erweiterungsbau

Kölsch statt Kunst? Kaum zu glauben: Dort wo heute kleine, aber feine Kunst-Ausstellungen mit Schwerpunkt auf rheinischem Expressionismus zu sehen sind, wäre fast eine Kneipe entstanden. Zum Glück kam es anders und das frühere Wohn- und Atelierhaus des expressionistischen Malers August Macke bekommt nun sogar einen Erweiterungsbau. Zum ersten Spatenstich kam Vertreter von Bund, Land und Stadt: Kulturstaatsministerin Monika Grütters, die Kölner Regierungspräsidentin Gisela Walsken und Bonns Oberbürgermeister Jürgen Nimptsch.

Macke Haus

Das wertvollste Stück ist futsch

Anfang der 80er Jahre wäre das noch unvorstellbar gewesen. Das Haus dümpelte damals vor sich hin und war stark renovierungsbedürftig. Aber die Stadt Bonn hatte kein Interesse am Erbe ihres berühmten Sohnes. Schließlich verkauften die Erben das Haus an einen Unternehmer, der plante, es zu entkernen und zu einer Gaststätte umzubauen. Engagierte Bürger machten gegen dieses Vorhaben mobil und erreichten, dass die Stadt Bonn das Haus dann doch kaufte. – Allerdings ohne einen Pfennig aus dem Stadtsäckel dazu beizusteuern! Den größten Teil bezahlte das Land Nordrhein-Westfalen, den Rest ein Sponsor. Nach Renovierung und der Wiederherstellung des Ateliers August Mackes im Dachgeschoss wurde das Haus 1991 als Museum eröffnet. Getragen wird es heute vom Verein August Macke Haus und der Stiftung August Macke Haus der Sparkasse Köln/Bonn.

Bitter allerdings: Das wertvollste Stück des Hauses, das 1912 von August Macke und Franz Marc gemeinsam an die Atelierwand gemalte Bild „Das Paradies“, ist nicht mehr da. Denn während die Stadt Bonn zauderte, hatte das Westfälische Landesmuseum in Münster erkannt, dass dort ein Schatz zu heben war, und das Bild gekauft.

Hier gingen die Expressionisten ein und aus

August Macke (1887-1914) hatte in dem Haus die drei letzten Jahre seines Lebens verbracht, bevor er im Alter von 27 Jahren als Soldat im Ersten Weltkrieg fiel. Das klingt nach wenig. Allerdings waren es ungeheuer produktive Jahre. Künstler wie Franz Marc, Robert Delaunay und Max Ernst besuchten Macke dort, um mit ihm zu diskutieren und zu arbeiten. In dem Haus entstanden zahlreiche Bilder, die den Blick aus dem Fenster auf den Garten und die Umgebung wiedergeben.

Macke

Westerwelle machte beim Bund Geld locker

Für einen modernen Museumsbetrieb war das Ende des 19. Jahrhundert gebaute Haus allerdings nicht gut geeignet. Ein Anbau war deshalb schon lange angedacht. Letztlich ist es wohl dem früheren Bundesaußenminister Guido Westerwelle, der in der Nähe des Macke Hauses gewohnt hatte, zu verdanken, dass schließlich der Bund den größten Teil der Baukosten von 6,5 Millionen Euro übernahm. Außerdem beteiligen sich die Sparkassen-Stiftung, die NRW-Stiftung und der Landschaftsverband.

Durch den Anbau bekommt das Museum mehr Platz für Wechselausstellungen. Das ursprüngliche Wohnhaus wird dann zu einem biografischen Museum umgestaltet, in dem das Leben und Wirken August Mackes im Mittelpunkt stehen. Der Neubau soll 2017 – im Jahr des 130. Geburtstags August Mackes – eröffnet werden.