August Mackes neues Haus

Wenn von Bonns „berühmtem Sohn“ die Rede ist, ist in der Regel Beethoven gemeint. August Macke hingegen wurde in seiner Heimatstadt lange Zeit stiefmütterlich behandelt. Doch das ändert sich nun. Vor Kurzem öffnete das neue Museum August Macke Haus.

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Fast wäre es gar nicht so weit gekommen. Denn in den 80er Jahren hatte ein Unternehmer das frühere Wohn- und Atelierhaus August Mackes erworben, um dort eine Kneipe zu eröffnen. Zum Glück verhinderten engagierte Bürger das, gründeten einen Verein und eröffneten in dem alten Haus ein Museum. Heute gilt es als nationales Erbe und wurde in den vergangenen zwei Jahren durch einen Erweiterungsbau ausgebaut.

Seit Dezember zeigt sich das Museum mit einem neuen Konzept. Die Eröffnungsausstellung „August Macke und Freunde – Begegnung in Bildwelten“ zeigt bis zum 4. März rund 130 Gemälde berühmter expressionistischer Künstler.

Kern des Museums ist das spätklassizistische Haus am Rande der Bonner Innenstadt, in dem August Macke (1887-1914) die drei letzten Jahre seines Lebens verbrachte. 1914 fiel er im Alter von nur 27 Jahren als Soldat im Ersten Weltkrieg. In dem Haus entstanden viele seiner berühmtesten Bilder, die den Garten und die Umgebung zeigen. Künstler wie Franz Marc oder Robert Delaunay waren hier zu Gast.

 

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In August Mackes früherem Atelier hängt nun wieder am Originalplatz die Reproduktion des gemeinsam mit Franz Marc gemalten Wandgemäldes.

Dennoch hatte die Stadt Bonn lange Zeit wenig Interesse an dem Erbe ihres berühmten Sohnes. 1991 sprangen engagierte Bürger ein und eröffneten mit finanzieller Hilfe einer Sparkassen-Stiftung ein Museum in den früheren Wohnräumen des Künstlers. Bis zum Beginn der Arbeiten für den Erweiterungsbau hatte das kleine Museum rund 250.000 Besucher.

 

Allerdings war es in den kleinen Räumen des über 100 Jahre alten Hauses immer schwieriger geworden, wertvolle Kunstwerke in Wechselausstellungen zu zeigen. „Die Anforderungen der Leihgeber wurden immer höher“, sagt Museumsdirektorin Klara Drenker-Nagels. Um etwa alte Gemälde zeigen zu können, müssen Temperatur und Luftfeuchtigkeit konstant eingestellt werden können. In dem Altbau war das kaum möglich.

 

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Blick ins Atelier: Heute stehen auf der Staffelei keine echten, sondern digitale Gemälde.

Seit 2002 das Nachbargrundstück für das Museum erworben werden konnte, gab es daher konkrete Planungen für einen Erweiterungsbau. Mit der Umsetzung eines Entwurfs des Bonner Architekten Karl-Heinz Schommer konnte aber erst 2015 begonnen werden, nachdem der Bund und das Land Nordrhein-Westfalen insgesamt Zuschüsse von rund fünf Millionen Euro zugesagt hatten. Den Rest der Baukosten von insgesamt 7,5 Millionen Euro steuerten unter anderem die Sparkassen-Stiftung, die NRW-Stiftung, der Landschaftsverband Rheinland sowie private Spender bei.

Der Altbau des Museums ist jetzt als Künstlerhaus gestaltet. Die dortige Dauerausstellung widmet sich ganz dem Leben und der künstlerischen Entwicklung August Mackes vor dem zeitgeschichtlichen Hintergrund des wilhelminischen Kaiserreichs. Unter anderem ist dort sein wiederhergestelltes Atelier im Dachgeschoss zu sehen.

Das alte Haus ist mit dem L-förmigen Anbau verbunden, durch den sich die Gesamtfläche des Museums nun auf 1220 Quadratmeter mehr als verdreifacht. Zum Museum gehört jetzt auch ein Garten, der durch eine zwölf Meter hohe Glasfassade vom Straßenlärm abgeschottet ist. Der Neubau bietet nun die klimatischen Bedingungen, die wertvolle Kunstwerke erfordern. Hier sollen künftig Wechselausstellungen stattfinden, vor allem zum Themenkreis des rheinischen Expressionismus.

Die Eröffnungsausstellung zeigt neben Gemälden von Macke unter anderem Werke von Paul Klee, Gabriele Münter, Robert Delaunay, Wassily Kandinsky, Ernst Ludwig Kirchner und Franz und Maria Marc und Marianne von Werefkin. Die Schau beschäftigt sich mit Bildthemen, die in Mackes Werk eine Rolle spielen, aber sich auch in den Arbeiten seiner künstlerischen Weggefährten spiegeln. Gezeigt werden Gemälde zum Themenkreis Theater und Zirkus, Kinder und Kindheit, Mensch und Natur, Landschaftsmalerei, Stillleben und Abstraktion.

August Macke gilt als einer der populärsten deutschen Künstler des 20. Jahrhunderts und als wichtiger Netzwerker der avantgardistischen Kunstszene vor dem Ersten Weltkrieg. Vor seinem frühen Tod schuf er innerhalb von nur zehn Jahren ein umfangreiches Werk mit rund 600 Gemälden, 400 Aquarellen und 2000 Zeichnungen. Außerdem hinterließ er rund 10.000 Skizzenbuchseiten.

www.august-macke-haus.de

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Spuren aus dem Mittelalter

Der Zisterzienser-Orden entwickelte sich im Mittelalter als einer der mächtigsten Verbände der Christenheit. Das LVR-Landesmuseum in Bonn zeigt die Spuren aus der Gründungszeit der europäischen Zisterzienser-Klöster.

Chorruine, ehemaliges Kloster Heisterbach

 

1098 siedelte sich eine Gruppe von Benediktiner-Mönchen im abgelegenen Citeaux an, weil sie den in den Klöstern eingezogenen Prunk ablehnten und der benediktinischen Regel nach einem einfachen Leben wieder Geltung verschaffen wollten. Rund 50 Jahre später umfasste der neue Orden bereits 340 Abteien mit etwa 11.000 Mitgliedern in ganz Europa. Aus einem einfachen Holz-Kloster in Citeaux entwickelte sich eine Organisation, die sich rasend schnell in Europa ausbreitete.

Die Schau, die bis zum 28. Januar 2018 zu sehen ist, vereint rund 150 Kunstgegenstände aus europäischen Klöstern, darunter selten oder noch nie ausgeliehene Stücke. Die Zisterzienser prägten Kunst und Kultur des Mittelalters und gehörten in dieser Epoche zu den mächtigsten Verbänden der Christenheit.

Die Gründung des Ordens war eine echte Erfolgsgeschichte. Die Zisterzienser setzten kulturelle und architektonische Maßstäbe, die ganz Europa prägten. Die Ausstellung im Landesmuseum zeigt bis zum 28. Januar 2018 rund 150 Kunstgegenstände aus europäischen Klöstern, darunter selten oder noch nie ausgeliehene Stücke.

Hochaltar aus Kloster Kamp, 1450

 

Der Rundgang durch die Welt der Zisterzienser-Mönche und -Nonnen beginnt mit einem Blick in das Kernstück jedes Klosters: Die Kirche. Gleich im ersten Ausstellungsraum sieht sich der Besucher einem der Highlights der Ausstellung gegenüber. Der Wandaltar mit klappbaren Seitenflügeln steht seit dem 19. Jahrhundert in der Kirche St. Peter in Rheinberg. Dort musste er wegen einer Dachsanierung ohnehin evakuiert werden. In Bonn ist er nach einer Restaurierung erstmals wieder zu sehen. Bemerkenswert sind die frischen Farben der Tafelgemälde mit Szenen aus dem Leben Jesu.

In der frühen Zeit des Ordens war Schlichtheit der Kirchen oberstes Gebot. Farben, Edelmetalle und Bilder waren verpönt. Doch die Ausstellung zeigt auch, das sich das nicht durchhalten ließ. Denn zu einer Kirchenausstattung gehörte nun einmal ein gewisses Schmuckwerk. Viele dieser Gegenstände sind bis heute in Gebrauch. So etwa das erstmals ausgeliehene Prunkkreuz aus der Abtei Wettingen-Mehrerau bei Bregenz. Vor dem goldenen mit Edelsteinen besetzten Kreuz wird seit 1260 täglich gebetet.

Anniversartuch für Holmger Knutsson, Schweden, 1. Hälfte 15. Jh.

Ein weiterer Grund, der dazu beitrug, dass wertvolle Kunst Einzug in die Klöster hielt, waren die Ansprüche der Stifter. Ohne sie wäre der Bau meist nicht möglich gewesen. Dafür wollten sie sich dort verewigen, etwa durch prunkvolle Gräber in den Klosterkirchen. Einer der Höhepunkte der Schau ist das Ende des 15. Jahrhunderts gefertigte Grabtuch des Stifters Holmger Knutsson, eine lebensgroße figürliche Bildstickerei der Nonnen des Skoklosters. Sie gilt als schwedischer Nationalschatz.

Die Buchkunst der Zisterzienser können die Besucher nicht nur im Original hinter Glas bestaunen. Wertvolle Schriften liegen als Faksimiles mit Übersetzungen aus dem Lateinischen vor und laden zum Durchblättern ein. In einem weiteren Ausstellungsbereich können die Besucher die Welt der Mönche und Nonnen betreten. Auf einem Klosterbett mit harter Strohmatratze können Interessierte probeliegen. Ein Tisch aus einem Klosterspeisesaal mit Holzteller und -löffel verweist auf die karge Verpflegung: Es gab nur zwei einfache Mahlzeiten pro Tag.

Eine 3-D-Animation lässt das zerstörte Kloster Altenberg wiederaufleben. Die Besucher erhalten einen Rundgang durch alle Räume des nach alten Plänen virtuell rekonstruierten Klosters. Der besondere Clou: Neben dem Bildschirm stehen echte Fundstücke aus dem Kloster, etwa Kapitelle, Säulen und Konsolen. Im Film ist zu sehen, wo sie in dem Gebäude ihren Platz hatten. Taucht ein solches Teil virtuell im Film auf, so wird das echte Exponat zugleich angeleuchtet.

www.landesmuseum-bonn.lvr.de

Moores Visionen am Rhein

Zur Feier seines zehnten Geburtstags hat das Arp Museum Rolandseck einen der bedeutendsten Bildhauer der Moderne an den Rhein geholt: Henry Moore (1898-1986) ist bekannt für seine monumentalen Skulpturen, die in der Regel Abstraktionen des menschlichen Körpers darstellen. Einige seiner tonnenschweren Skulpturen wurden eigens von England nach Rolandseck gebracht.

Henry Moore in den 70ern im Bahnhof Rolandseck

Henry Moore ist nach Rolandseck zurückgekehrt. 1977 hatte er hier bereits eine Druckgrafik-Ausstellung. Und er soll bei diesem Anlass auch den damaligen Bundeskanzler Helmut Schmidt getroffen haben. Zwei Jahre später wurde dann auf Schmidts Betreiben vor dem Bonner Bundeskanzleramt seine meterhohe Skulptur „Two Large Forms“ aufgestellt.

Moore ist in Deutschland ohnehin kein Unbekannter. Seine Großskulpturen sind unter anderem im Stadtbild von Berlin, Hamburg oder Münster präsent. Seit 1950 gab es nach Angaben der britischen Henry Moore Foundation rund 80 Ausstellungen seiner Werke in Deutschland, zuletzt bis Mitte März in Münster. Aber die Ausstellung in Rolandseck dürfte einzigartig sein mit ihrer Ansammlung an Großskulpturen des Meisters. Für die Ausstellung „„Henry Moore. Vision. Creation. Obsession“ gelang es dem Arp Museum, acht Monumentalplastiken an den Rhein zu holen. Insgesamt wird Moore bis zum 7. Januar mit rund 80 Skulpturen und Zeichnungen auf drei Ausstellungsebenen präsentiert.

Grund dafür ist das dreiteilige Konzept der Ausstellung, die nicht nur Moore-Werke zeigt, sondern seine Arbeiten einbettet in Bezüge zur italienischen Gotik und zu seinem Bildhauer-Kollegen Hans Arp.

Henry Moore: Large Reclining Figure

Ein erstes Ausrufezeichen setzt die neun Meter lange, weiße Skulptur „Reclining Figure“ (liegende Figur) (1984) auf dem Rasen vor dem Haupteingang des alten Bahnhofs Rolandseck. Der Besucher wird dann nach Begegnungen mit Skulpturen Moores und des Hauspatrons Arp zunächst in die „Kunstkammer Rau“ gelockt, wo das Arp Museum regelmäßig Werke der klassischen Malerei aus der Sammlung Rau präsentiert.

Hier stehen zunächst einmal die kunsthistorischen Bezüge im Vordergrund, auf die Moore seine Arbeit stützte. Ein immer wiederkehrendes Motiv bei Moore sind etwa Mutter und Kind. Hier werden sie seinem Interesse an Madonnen-Darstellungen aus dem 15. und 16. Jahrhundert gegenübergestellt, zum Beispiel von Antonio Rossellino oder Antonio Solario. Auch Werke französischer Maler des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts wie Cézanne und Courbet, die Moore sehr schätzte, werden seinen eigenen Skizzen zur Seite gestellt.

Henry Moore: Three Piece Sculpture Vertebrae

Der erste Stock des Museums-Neubaus gehört dann ganz Moore. Dort werden einige seiner Großplastiken erstmals in einem Innenraum präsentiert. Die Skulpturen, die normalerweise in der Landschaft präsentiert werden, stehen hier vor weißen Wänden.

 

 

Da ist zum Beispiel die Monumentalplastik „Large Standing Figure Knife Edge“, die bereits 1978 schon einmal eine Weile am Rheinufer vor dem Bahnhof Rolandseck gezeigt wurde. Die dreiteilige Plastik „Three Piece Sculpture: Vertebrae“, drei riesige bronzene Wirbelknochen, wurde mit Spezialkränen gleich vor der großen Glasfront des Ausstellungsraums platziert und fügt sich perfekt in die Landschaft ein.

Im Obergeschoss des Museums schärft die Gegenüberstellung Moores mit dem Hauspatron Arp noch einmal den Blick für das, was das Werk der beiden Künstler ausmacht. Für beide war die Natur zentrale Bezugsgröße ihres Schaffens. „Nicht abbbilden. Bilden“, war ihrer beider künstlerisches Credo. Ein Blick in die Ateliers der Künstler eröffnet erstaunliche Ähnlichkeiten. Was sich in den Regalen der beiden Bildhauer stapelt, scheint fast austauschbar: Kleine Skulpturen oder Entwürfe mit organischen Formen. Die Künstler haben sich auch nachweislich gegenseitig in ihren Ateliers besucht.

Dennoch gibt es entscheidende Unterschiede. Arp löst sich vollständig von der Figürlichkeit und geht in die reine Abstraktion. Bei Moore hingegen ist die menschliche Figur immer noch erkennbar. Seine Arbeitsweise, aus Knochen, Muscheln oder anderen Fundstücken seine Plastiken zu entwickeln, ist in einem eigenen Bereich der Ausstellung dargestellt. Wer Moore kennenlernen will, ist hier richtig. Und wer ihn schon kennt, wird mit Sicherheit neue Einsichten gewinnen.

www.arpmuseum.org

Richter zieht den Vorhang zu

Die Kölner Ausstellung zu Ehren von Gerhard Richters 85. Geburtstag ist nach Dresden weitergezogen. Doch für Richter-Fans im Rheinland gibt es Nachschub. Stand im Museum Ludwig aktuelle Arbeiten aus dem vergangenen Jahr im Mittelpunkt, so zeigt das Kunstmuseum Bonn nun frühe Bilder.

Im Zentrum der Ausstellung „Gerhard Richter. Über Malen – Frühe Bilder“ stehen bis zum 1. Oktober die Vorhang- und Fenster-Bilder geborenen Malers. Das hat einen Grund: Richter bezieht sich damit auf die Geschichte des Vorhang-Motivs in der Malerei seit der Renaissance. Der niederländische Barockmaler Jan Vermeer zum Beispiel nutzte den zurückgeschlagenen Vorhang auf seinen Bildern großen Inszenierung. Er lässt den Betrachter hinter den Vorhang in die Stuben schauen, in denen Künstler an der Arbeit sitzen oder junge Frauen versonnen Briefe lesen. Drei Jahrhunderte rennt der Betrachter bei Richter quasi vor die Wand: Der Vorhang bleibt geschlossen und wird selbst zum Motiv. Was sich dahinter verbirgt, bleibt Spekulation.

Zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion

Die Ausstellung im Bonner Kunstmuseum beleuchtet entscheidende Jahre zwischen 1964 und 1974, in denen Richter sein Bildkonzept entwickelt, das bis in die Gegenwart gültig ist. Den 1932 in Dresden geborenen Richter prägt eine tiefe Skepsis gegenüber dem Bild. Ausgebildet in der DDR im Sinne des Sozialistischen Realismus setzt er sich nach seiner Flucht in die Bundesrepublik 1961 im Zeitraffer mit den aktuellen westlichen Kunstströmungen auseinander. Er stößt auf eine Interpretation der Kunst des 20. Jahrhunderts, die vom Gegensatz von Abstraktion und Gegenständlichkeit geprägt ist. Richter sucht einen Weg jenseits dieser Pole und schafft gegenständliche Bilder, in denen sich die Gegenständlichkeit zugleich auflöst.

Richters monochrome Vorhang- oder Fenster-Gemälde sind ein Beispiel für dieses Changieren zwischen Abstraktion und Gegenständlichkeit. Die Falten der Vorhänge oder die Fensterkreuze wirken zugleich wie ein abstraktes Muster. Selbst ihre Farbe, nämlich Grau, wirkt völlig neutral und entzieht sich somit jeglicher Aussage. Richter öffnet nicht wie Vermeer die Sicht auf die Welt hinter dem Vorhang, sondern demonstriert ihre Unsichtbarkeit.

Gemalte Bildskepsis

Diese in Malerei gefasste Bildskepsis dekliniert Richter im Jahrzehnt zwischen 1964 bis 1974 auf unterschiedliche Art und Weise durch. Während die Geburtstagsausstellung im Kölner Museum Ludwig sich schwerpunktmäßig dem Spätwerk des Künstlers widmete und die Schau im Essener Museum Folkwang einen Überblick über seine Editionen gibt, konzentriert die Bonner Schau den Blick auf die Entstehungszeit seiner malerischen Lösungskonzepte.

Empfangen wird der Besucher von Richters „5 Türen (I)“. Von Tür zu Tür öffnet sich der Spalt weiter. Doch ähnlich wie bei den Vorhängen wird die Erwartung des Betrachters enttäuscht. Der Blick geht in einen leeren Raum. Bereits in den 60er Jahren entwickelte Richter auch schon seine Fotomalerei, für die er einer breiten Öffentlichkeit besonders bekannt wurde.

Die nach der Vorlage von Fotografien gemalten Bilder entziehen sich der Gegenständlichkeit durch eine Unschärfe, die das Objekt der Betrachtung gleichsam wieder auslöscht. Da ist etwa das Gemälde „Zwei Fiat“ (1964), auf dem die beiden vorbeifahrenden Autos nur noch schemenhaft zu erkennen sind. Das „Porträt Dieter Kreutz“ (1971) wirkt wie ein stark überbelichtetes Foto. Das Gemälde nennt sich Porträt, widerspricht aber zugleich dem Charakter dieses Genres, denn der Abgebildete ist nur vage in Umrissen zu erkennen.

Die Bonner Schau bietet auf kleinem Raum einen umfassenden Einblick in Richters Werk. Da sind etwa Beispiele seiner monochromen Gemälde („Grau“, 1970) und seiner Glasscheiben („4 Glasscheiben“, 1967/2015). Ein großformatiges Werk aus seiner Serie von Farbtafel-Bildern (256 Farben, 1974) sowie zwei Fenster-Bilder von 1968 runden den Eindruck ab.

Den Schlusspunkt setzt das aktuelle zweiteilige Werk „Zwei Grau“ aus dem vergangenen Jahr. Es ist ebenso undurchdringlich wie die rund 50 Jahre zuvor entstandenen Vorhang-Bilder: Der Betrachter bleibt auf sich selbst zurückgeworfen. Statt des Einblicks in eine vom Künstler entworfene Szenerie sieht er in den grauen Glasscheiben nur sein eigenes Spiegelbild. Der Vorhang ist gefallen, der traditionelle Offenbarungsgestus der Malerei gilt nicht mehr.

http://www.kunstmuseum-bonn.de

Neue Bilder von Richter

Er ist gerade 85 Jahre alt geworden und sprüht vor Energie: Gerhard Richter  zeigt im Museum Ludwig in Köln neue abstrakte Bilder in leuchtenden Farben.

Gerhard Richter hatte ursprünglich wohl wenig Lust auf großes Tamtam um seinen 85. Geburtstag. Als Yilmaz Dziewior, Direktor des Museum Ludwig, im Februar 2015 seinen Antrittsbesuch bei Gerhard Richter machte, zeigte dieser wenig Interesse an einer Geburtstags-Ausstellung. Er werde dann verreist sein, kündigte der Kölner Maler an. Die Museumsleute schickten sich deshalb an, die Ausstellung zu Ehren Richters mit Beständen aus der Sammlung auszurichten.

Doch dann, drei Monate vor Ausstellungseröffnung, die Wende: Richter bot dem Museum an, seine neusten Arbeiten zu zeigen. Die Kuratorin und stellvertretende Museumsdirektorin, Rita Kersting, eilte gleich am nächsten Tag in Richters Atelier in den vornehmen Stadtteil Köln-Hahnwald. „Ich war überrascht, diese Bilder zu sehen“, sagt sie. „Sie sind unglaublich facettenreich, vielschichtig und teilweise leuchtend farbig.“

Die 26 abstrakten Bilder unterschiedlichen Formats entstanden alle im vergangenen Jahr und sind ab Donnerstag im Museum Ludwig zu sehen. Unter dem Titel „Gerhard Richter. Neue Bilder“ werden bis zum 1. Mai zusätzlich auch etwa noch einmal ebenso viele frühere Werke gezeigt, größtenteils aus der museumseigenen Sammlung. Richter, der zu den weltweit gefragtesten Künstlern zählt, bestimmte die Anordnung der Bilder bis ins Detail selbst. Kein Wunder also, dass die Ausstellung biografische Züge trägt.

Doch es handelt sich mitnichten um die Rückschau eines greisen Mannes, der am Ende seines Schaffens steht. Die frisch aus dem Atelier ins Museum gebrachten, teils großformatigen abstrakten Bilder sprechen für eine enorme Vitalität. Die Gemälde entstanden durch den Auftrag zahlreicher Schichten Ölfarbe mit dem Rakel, einem Schaber: eine Technik, die den Zufall mit einbezieht. „Richter will damit erreichen, dass der Subjektivität des Künstlers möglichst wenig Raum gegeben wird“, erklärt Kersting.

Durch die Überlagerung zahlreicher, immer wieder aufgerissener Farbschichten wirken die Bilder plastisch. Bizarre Strukturen lassen an Landschaften, Wälder oder Gesteinsschichten denken. Als „fiktive Modelle“ bezeichnete Richter selbst seine abstrakten Gemälde. „Weil sie eine Wirklichkeit veranschaulichen, die wir weder sehen noch beschreiben können, auf deren Existenz wir aber schließen.“

Es sind die Zweifel an der Darstellbarkeit, die den am 9. Februar 1932 in Dresden geborenen Richter seit Anfang der 60er Jahre umtreiben. Schon bald nach seiner Flucht aus der DDR in den Westen 1961 begann er mit seinen fotorealistischen Bildern. Richter entwickelte das Abmalen von Fotografien als Strategie, der Subjektivität sowie künstlerischen Konzepten und Ideologien zu entgehen.

Der Sammler und Stifter Peter Ludwig habe in Richter die deutsche Antwort auf die amerikanische Pop Art gesehen, sagt Museumsdirektor Dziewior. Der Tatsache, dass Ludwig schon früh Richters Bilder ankaufte, verdankt das nach ihm benannte Kölner Museum einige berühmte Werke, die heute unerschwinglich wären.

Dazu zählt das Gemälde „Ema (Akt auf einer Treppe)“ (1966), das Richters erste Frau zeigt. Auch seine Tochter aus dieser Ehe, Betty, ist mit einem Gemälde von 1977 vertreten. Gleichsam den Schlusspunkt markiert das Bild seiner Tochter aus dritter Ehe, Ella, von 2014, auf das der Besucher am Ende der Ausstellung zuläuft.

Dazwischen leuchten die verschiedenen Facetten des vielschichtigen Werks auf. Für Richters Auseinandersetzung mit dem Faschismus etwa steht das Bild „Onkel Rudi“ (2000), das seinen Onkel, einen bekennenden Nationalsozialisten, in Wehrmachtsuniform zeigt. Seine Beschäftigung mit dem Linksterrorismus und der RAF spiegelt sich in einem Bild von Ulrike Meinhof (2015).

Immer wieder tauchen in Richters Werk auch Spiegel oder Glasscheiben auf, die dem Betrachter sein eigenes Bild als Momentaufnahme zurückwerfen. Auch diese Werkgruppe ist vertreten, etwa mit „11 Scheiben“ (2003). Ein weiteres Highlight: die monochromen „48 Porträts“ (1971/72) von Geistesgrößen für den Deutschen Pavillon auf der Biennale in Venedig.

Fotorealismus und Abstraktion, Geometrie und Geste: Die Kölner Ausstellung zeigt die Gegensätze. „Es bleibt etwas nicht Begreifbares am Werk von Gerhard Richter„, resümiert Dziewior. Dennoch, oder vielleicht gerade deshalb werden seine Bilder für Millionenbeträge, teils im zweistelligen Bereich, gehandelt.

Nach 200 Jahren wieder ein Paar

Kölner Wallraf-Richartz-Museum vereint hochkarätige Gemälde aus zwei Sammlungen

Die Sammlungen des Schweizer Kunstliebhabers Emil Bührle und des Wallraf-Richartz-Museum haben viel gemeinsam. Jetzt sind die beiden Konvolute erstmals nebeneinander zu sehen. Dabei kommt es zur ein oder anderen Wiedervereinigung.

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Claude Monet, Mohnblumenfelder bei Vétheuil

Sie waren Freunde und Konkurrenten: Nicht selten interessierten sich der damalige Direktor des Kölner Wallraf-Richartz-Museums, Leopold Reidemeister, und der vermögende Kunstsammler Emil Bührle in den 50er Jahren auf dem Kunstmarkt für die gleichen Werke. Zugleich schätzten sich die beiden Männer. Bei Besuchen Bührles in Köln tauschte man sich regelmäßig aus. Die beiden Kunstkenner hatten die gleichen Vorstellungen vom Aufbau ihrer jeweiligen Sammlungen. Kein Wunder also, dass sich in ihren Beständen zahlreiche verwandte Werke finden. Diese treffen nun in der Ausstellung „Von Dürer bis Van Gogh. Sammlung Bührle trifft Wallraf“ erstmals zusammen.

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Vincent Van Gogh, Die Zugbrücke

Zu sehen sind 64 Meisterwerke vom Spätmittelalter bis zum Kubismus, davon 33 aus der Sammlung Bührle. Im Mittelpunkt beider Sammlungen steht der Impressionismus und Nachimpressionismus. Darüber hinaus ermöglichen beide Konvolute jedoch auch einen vergleichenden Blick in die Kunstgeschichte, indem sie ihre Bestände des Impressionismus flankieren mit Werken französischer Kunst des 19. Jahrhunderts, niederländischer Meister des 17. Jahrhunderts und des Spätmittelalters.

Der Zeitpunkt, die berühmten Werke aus der Schweiz nach Köln zu holen, war günstig. Denn die Züricher Sammlung ist seit vergangenem Jahr bis zur Fertigstellung ihres neuen Ausstellunggebäudes 2020 geschlossen. So konnten viele Werke zusammengeführt werden, die einst zusammengehörten.

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Alfred Sisley, Regatta in Hampton Court
Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud, Koeln, WRM 2929, Alfred Sisley, Brücke bei Hampton Court
Alfred Sisley, Brücke in Hampton Court

 

 

 

 

 

 

 

Da hängen verschiedene Ansichten der provenzalischen Sommerlandschaft mit ihrem flirrenden Licht Seite an Seite, so wie sie auch in Paul Cézannes Atelier nebeneinander gestanden haben könnten. Zwei bezaubernde Fluss-Szenen Alfred Sisleys, die am gleichen Tag gemalt wurden, hängen nun erstmals Seite an Seite: Während auf dem Gemälde aus den Museumsbeständen die Brücke von Hampton Court im Morgenlicht zu sehen ist, zeigt das Gemälde aus der Sammlung Bührle den unmittelbar angrenzenden Flussabschnitt im rötlichen Licht des Spätnachmittags.

Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud, Koeln, WRM 2533, Albert Cuyp, Fischerboote
Albert Cuyp, Fischerboote
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Albert Cuyp, Gewitter über Dordrecht

 

 

 

 

 

 

 

Ein besonderes Zusammentreffen ist jedoch das der beiden Gemälde des niederländischen Meisters Aelbert Cuyp. Er hatte die „Fischerboote im Mondschein“ um 1645 als Pendant zum „Gewitter über Dordrecht“ gemalt. Bei einer Auktion wurden die Bilder getrennt und können nun erstmals seit mehr als 200 Jahren wieder gemeinsam betrachtet werden.

Neben den Varianten eines Motivs aus dem Pinsel ein und desselben Künstlers bietet die Ausstellung eine zweite interessante Vergleichsebene. So lässt sich die Entwicklung von Sujets über die Jahrhunderte hinweg betrachten. Da hängt etwa Pablo Picassos kubistisches „Blumenstillleben mit Zitrone“ (1941) neben dem meisterhaft detailgetreuen „Stillleben mit Römer und Zitrone“ (1632) des Niederländers Willem Claesz. Hedas. Paul Gaughins Gemälde “Die Opfergabe” (1902), das eine stillende Mutter zeigt, wird flankiert von zwei spätmittelalterlichen Mariendarstellungen. Und Odilon Rodons Kreuzigungsszene in Pastell von 1895 tritt in Dialog mit der spätmittelalterlichen Darstellung des Kreuztodes Christi durch den namentlich nicht bekannten Meister des Marienlebens.

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Pablo Picasso, Blumenstillleben mit Zitronen

 

In den 50er Jahren hatte sich Reidemeister manchmal geärgert, dass Bührle über finanzielle Mittel verfügte, bei denen der damalige Museumsdirektor nicht mithalten konnte. Doch der Direktor der Stiftung Bührle, Lukas Gloor, ist sicher: Heute hätte sich der durch die Herstellung von Rüstungsgütern zu Wohlstand gekommene Bührle “unheimlich gefreut”, wenn er die Bilder der beiden Sammlungen nebeneinander gesehen hätte.

Jubiläum mit vielen Fragen

Das Museum Ludwig in Köln feiert mit einer Sonderausstellung 40. Geburtstag

350 Werke zeitgenössischer Kunst bilden den Grundstock der Sammlung des Museum Ludwig. 40 Jahre ist es nun her, dass das Sammlerehepaar Ludwig der Stadt Köln diese wertvollen Werke schenkte. Das feiert das Museum mit einer Sonderschau, die auch kritische Fragen zulässt.

Guerrilla Girls, ML/G 2015/005/24, Museum Ludwig, Köln
Guerrilla Girls, ML/G 2015/005/24

Welche Kunst wird gezeigt?

Welche Kunst wurde und wird hier eigentlich gezeigt? Diese Frage stellen zum Beispiel die Künstlerinnengruppe Guerrilla Girls. „Müssen Frauen eigentlich nackt sein, um ins Museum zu kommen?“ Auf einem Plakat des Künstlerinnenkollektivs sieht man die gemalte Rückenansicht einer nackten Schönen zu sehen, die auf dem Kopf eine Gorillamaske trägt. Dieses Plakat der feministischen Gruppe gehört zur Sammlung des Museum Ludwig. Doch sind Künstlerinnen seit seiner Entstehung 1989 in den Ausstellungsräumen zahlreicher vertreten? Zum 40jährigen Jubiläum gehen die Guerrilla Girls der Sache auf den Grund. Und sie sind nicht die einzigen Künstler, die unbequeme Fragen stellen. Doch die Museumsleute haben es so gewollt. Denn die Ausstellung „Wir nennen es Ludwig“ soll mehr sein, als eine reine Jubelveranstaltung.

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Futuristisches Köln von Bodys Isek Kingelez

„Die Idee der Ausstellung ist, die Institution zu hinterfragen und einen distanzierten Blick auf das Museum zu werfen“, erklärt Museumsdirektor Yilmaz Dziewior. Gezeigt werden Werke von 25 internationalen Künstlern und Künstlerkollektiven, die einen Bezug zu dem Museum haben, darunter bekannte Namen wie Gerhard Richter, Rosemarie Trockel, Ai Weiwei oder Claes Oldenburg. Teilweise werden ältere Arbeiten gezeigt, viele Werke entstanden aber eigens für die Jubiläumsausstellung. Eine Best-Of-Show mit Promis der Kunst-Szene ist die Schau mitnichten. Man habe bewusst Künstler eingeladen, die als institutionskritisch bekannt seien, sagt Dziewior. „Wir wussten, dass sie auf die Schwachstellen hinweisen würden.“

Die Guerrilla Girls – ein Künstlerinnenkollektiv mit wechselnden Mitgliedern, die anonym bleiben – finden die Defizite mit Leichtigkeit. So weltoffen und pluralistisch wie es gerne sein würde, sei das Museum nicht, machen sie in ihrer Videoarbeit „Girlsplaining“ deutlich. Nicht nur Frauen sind unterrepräsentiert, sondern auch Künstler anderer Hautfarbe oder Herkunft. 14 Prozent der Kölner haben türkische Wurzeln, aber das Museum zeige nur einen türkischen Künstler, heißt es dort zum Beispiel.

Kritische Fragen zu Ludwig

Andere Künstler wie Marcel Odenbach oder Hans Haacke beschäftigen sich mit dem Sammlerehepaar Ludwig. Haacke ging bereits in den 80er Jahren der Unternehmensgeschichte des Museumsinitiators Ludwig auf den Grund, der sein Vermögen als Schokoladenfabrikant machte. Die 14-teilige Arbeit „Der Pralinenmeister“ liefert Informationen zu Steuervergünstigungen und zum Einfluss der Ludwig Stiftung auf Politik und Gesellschaft. Odenbach lässt Ludwig in seiner Videoarbeit „Ein Bild vom Bild machen“ zu Wort kommen und Stellung zu seinem Selbstverständnis als Kunstsammler beziehen.

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Ai Weiwei, Forever

Im Fokus anderer Künstler steht die Sammlung Ludwig. So stellt Ai Weiwei mit seiner Skulptur „Forever“ eine Verbindung zum „Roue de bicyclette“ (Fahrradrad) von Marcel Duchamp her. Ai Weiweis Skulptur besteht aus 42 aufeinander montierten Fahrrädern, die einen meterhohen Kreis bilden. Die Arbeit Duchamps, die im Dada-Raum der permanenten Sammlung des Museums steht, ist per Live-Schaltung auf einem Bildschirm zugegen.

Weltoffen und kölsch

Zwei Werke des Kölner Malers Michael Buthe aus der Museumssammlung rückt Ei Arakawa in den Fokus. Er lässt zwei LED-Wände die farbenfrohen Arbeiten des durch seine vielen Afrika-Aufenthalte inspirierten Künstlers reflektieren. Filmmaterial über Buthe und ein eigens produziertes Lied mit einem afrikanischen Musiker lassen ein leines Universum des porträtierten Künstlers entstehen.

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Georges Adéagbo

Bewusst zeigt die Jubiläumsausstellung sich weltoffen und holte Künstler aus verschiedenen Kontinenten an den Rhein. Damit wolle man der Globalisierung Rechnung tragen, die zu Zeiten der Entstehung der Sammlung Ludwig noch kein Thema war, sagt Dziewior. So rollt der aus Westafrika stammende Georges Adéagbo den Besuchern gleich zu Beginn der Ausstellung einen roten Teppich aus. Seine aus Kultobjekten, Alltagsgegenständen und Dokumenten bestehenden Installationen nehmen stets Bezug auf den Ausstellungsort. In diesem Fall steht Köln im Mittelpunkt, etwa in Form eines Plattencovers der Kölsch-Band Bläck Fööss oder eines von Jochen Schimmang herausgegebenen Köln-Lesebuchs.

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Ein Kölner Haus von Gerhard Richter

Die Kölner Seele findet in der Ausstellung ohnehin reichlich Nahrung. Vor allem der Raum mit Werken des seit Jahrzehnten am Rhein lebenden Gerhard Richter bietet poetische Szenerien zwischen den Mauern der Domstadt. Da ist das Herz Kölns, der Dom, allerdings als Ausschnitt einer „Domecke“. Die Geschichte der Stadt wird lebendig in der Luftaufnahme „14. Feb. 45“, die das zerstörte Köln hinter Glas zeigt. Bilder eines besetzten Hauses oder eine Demonstration spiegeln die politischen Auseinandersetzungen in den Straßen der Großstadt.

Lebensader Rhein

Zwei Ausstellungen über die Menschen am Rhein

Der Rhein hat sich schon immer wie eine Lebensader durch Europa gezogen. An seinen Ufern entfalteten sich Hochkulturen, es wurde gekämpft und gefeiert. Zeit, um sich einmal genauer anzusehen, was dieser Fluss in den vergangenen Jahrtausenden so alles erlebt hat. Das geschieht nun erstmals mit einer Doppelausstellung in der Bundeskunsthalle und im LVR-Landesmuseum Bonn.

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Johann Adolf Lasinsky, Der Rhein bei Koblenz-Ehrenbreitstein, 1828

„Der Rhein ist der Fluss, von dem alle Welt spricht und den niemand erforscht“, stellte der französische Schriftsteller Victor Hugo 1840 fest. Tatsächlich wurde der 1300 Kilometer lange Strom zwar von den Menschen an seinen Ufern als Wasserstraße, Grenze oder Wasserquelle genutzt. Doch eine umfassende Würdigung seiner historischen und kulturellen Bedeutung stand lange aus. Das dürfte sich mit den beiden Rhein-Ausstellungen in Bonn erledigt haben. Während die Bundeskunsthalle mit einer großen Sonderausstellung die erste „Biografie“ des Flusses nachzeichnet, zeigt das LVR-Landesmuseum den Rhein als Motiv der Fotogeschichte.

Unter dem Titel „Der Rhein. Eine europäische Flussbiografie“ verfolgt die Bundeskunsthalle die Geschichte des Stromes von der Prähistorie bis zur Gegenwart. Die chronologisch aufgebaute Ausstellung mit rund 350 Exponaten beginnt mit einem Rückblick auf die frühesten Zeugnisse des Lebens am Rhein. Zu sehen sind unter anderem zwei rund 14.000 Jahre alte Skelette, die ältesten Überreste anatomisch moderner Menschen in Deutschland, die in Bonn-Oberkassel gefunden wurden.

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„Zweihörniger Rhein“, röm. Grabmal, 2 Jh. n. Chr.

Die Grundlage für die späteren Festungen am Rhein, die Verwaltungszentren der mittelalterlichen Kaiser, die Klöster und die späteren Großstädte legten jedoch die Römer. Mit ihrer Ankunft am Rhein beginnen vor rund 2000 Jahren die Quellen und Zeugnisse dichter zu werden. Für die Römer hatte der Fluss sogar den Status einer Gottheit. Das bezeugt zum Beispiel seine Darstellung als Kopf mit zwei Hörnern auf einem Grabmal. Vergil hatte den Fluss in Anspielung auf seine gegabelte Mündung als „zweihörnigen Rhein“ bezeichnet.

Die Ausstellung schlägt von dort einen Bogen über die mittelalterlichen Kaiser-Festungen am Rhein, die napoleonische Zeit bis zur Bonner Republik. Zahlreiche Werke berühmter Künstler wie William Turner, Max Ernst, Joseph Beuys oder Anselm Kiefer dokumentieren die Bedeutung des Flusses in der Kunst und Geistesgeschichte Europas.

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Michael Lio, Rheinfall mit Kanzel und Springer, 2005

Im Verhältnis zum Rhein lässt sich auch immer wieder das gewandelte Selbstverständnis des Menschen durch die Jahrhunderte ablesen. So erscheinen die Menschen in Jakob Schalchs Gemälde „Josef II. beim Rheinfall“ winzig klein und ehrfürchtig vor der Naturgewalt des Wasserfalls. Der heutige Mensch hingegen springt selbstbewusst und wagemutig in die Fluten. So hielt es der Fotograf Michael Lio 2005 in dem Bild „Rheinfall mit Kanzel und Springer“ fest.

Seit den Anfängen der Fotografie ist der Rhein ein beliebtes Motiv. Das LVR-Landesmuseum nimmt das zum Anlass, die Geschichte der Fotografie anhand von Aufnahmen rund um den Fluss darzustellen. Die Ausstellung „bilderstrom. Der Rhein und die Fotografie 2016-1853“ zeigt 260 Fotografien aus rund 160 Jahren. Dabei nimmt sie den Besucher von der Gegenwart mit bis in die Zeiten der ersten Fotografien Mitte des 19. Jahrhunderts.

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Francis Frith, Lahnstein, vor 1864

Doch ist das Motiv des „Vater Rhein“ mittlerweile nicht reichlich abgegriffen? Schon 1995 hatte der der renommierte Kunstkritiker Klaus Honnef behauptet, der Fluss sei „zu Tode fotografiert“ worden. Kurator Christoph Schaden sieht das anders. Das vermeintlich todgeweihte Motiv sei „quicklebendig und wieder erstarkt ins Blickfeld einer neuen Fotografengeneration“ gerückt. Dass die zeitgenössische Fotografie tatsächlich neue und ungewohnte Blicke auf den Rhein liefere, liege auch an der digitalen Revolution, die die Ästhetik fotografischer Bilder verändert habe.

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Albert Renger-Patzsch-Kühe am Rhein

Für die Aktualität des Rhein-Motivs spricht auch die berühmte digital bearbeitete Aufnahme „Rhein II“ des Düsseldorfer Künstlers Andreas Gursky, die 2011 mit einem Verkaufswert von rund drei Millionen Euro zeitweise zur weltweit teuersten Fotografie wurde. – Vielleicht ein Grund, warum keines der sechs Exemplare dieser Ikone der Rheinfotografie in die Ausstellung fand. Besucher, die zuvor in der Bundeskunsthalle waren, konnten dort aber zumindest das Vorläuferwerk „Rhein I“ sehen.

Ins Landesmuseum hat sich „Rhein II“ aber als Zitat eingeschlichen. Gursky hatte das Bild nämlich als Fotomotiv für ein Wahlplakat der rot-grünen Landesregierung in Nordrhein-Westfalen zur Verfügung gestellt. Max Regenberg fotografierte das am Rhein aufgestellte Plakat und nannte sein Foto dann augenzwinkernd „Rhein III“. Die Schau präsentiert darüber hinaus bis zum 22. Januar Fotografien von Henri Cartier-Bresson, August Sander, Chargesheimer, Barbara Klemm, Boris Becker, Nora Schattauer, Candida Höfer und Gerhard Richter.

www.bundeskunsthalle.de

www.landesmuseum-bonn.lvr.de

 

Komprimierter Raum

Der international bekannte spanische Bildhauer Jaume Plensa in Brühl

 Jaume Plensa verbindet digitale Technik und traditionelle Bildhauerei. Das Max Ernst Museum in Brühl zeigt aktuelle Werke des Spaniers.

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Isabella, 2015

 

Abgesehen von seiner Größe wirkt er auf den ersten Blick unspektakulär: Der 4,5 Meter große schwarze Mädchenkopf, der die Besucher seit Kurzem vor dem Max Ernst Museum in Brühl empfängt. Doch aus der Nähe wird deutlich: Mit der riesigen Stein-Skulptur stimmt etwas nicht. Das Gesicht ist seltsam in die Länge gezogen. Und wenn man sie umrundet, stellt man fest, dass die Skulptur, die eben noch so plastisch wirkte, flach zusammengepresst ist. „Ich wollte das Volumen so komprimieren, dass es fast verschwindet, wenn Sie daran vorbeigehen“, erklärt der Künstler zufrieden, während er sein Werk umschreitet.

Plensas Skupturen spielen mit dem Wechsel aus Gegenwart und Abwesenheit, Eindeutigkeit und Rätsel. Unter dem Titel „Jaume Plensa – Die innere Sicht“ zeigt das Max Ernst Museum bis zum 15. Januar eine kleine, aber feine Auswahl von Werken des 1955 geborenen Katalanen. Plensa, der zu den bedeutendsten Bildhauern der Gegenwart zählt, ist bekannt für seine großformatigen Skulpturen aus Glas, Polyesterkunstharz, Stahl, Alabaster, Bronze oder Holz. Oftmals sind immaterielle Elemente wie Klang, Licht und Wort Teil der Arbeiten. Plensas Skulpturen und Installationen befinden sich an Orten auf der ganzen Welt, so etwa im Madison Square Park in New York, im Millenium Park in Chicago, im Wolkenkratzer Burj Khalifa in Dubai oder in Antibes an der Côte d’Azur.

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Anonymous, 2016

Im Max Ernst Museum greift er – abgesehen von der meterhohen Skulptur vor dem Gebäude – zu etwas kleineren Formaten. Die wurden jedoch teilweise eigens für die Brühler Ausstellung realisiert. Da ist etwa die aus 14 Holzköpfen bestehende Arbeit „Anonymous“. Auch hier spielt Plensa mit einer verwirrenden Perspektive. Dafür scannte er Köpfe von Mädchen unterschiedlicher Nationalität und Rasse, vergrößerte und verzerrte sie, so dass sie lang und schmal wurden. Diese formte er dann in dunklem Holz nach, das glatt poliert wurde. Die Köpfe stehen auf zwei V-förmig angeordneten Balken. Ihre merkwürdig verzerrte Form täuscht den Blick und lässt die Gesichter fast vor den Augen verschwimmen.

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Invisible Rui Rui, 2016

Mit Täuschung arbeitet Plensa auch bei seinen „Netzköpfen“, die wie räumliche Zeichnungen wirken. Auch sie basieren auf realen Mädchenköpfen, die er scannt und dann vergrößert. Die Köpfe werden dann aus einem Netz von Stahldraht nachgeformt. Vor den weißen Wänden des Museums täuschen sie das Auge, indem sie zwischen zweidimensionaler Zeichnung und dreidimensionalem Objekt zu oszillieren scheinen. Komplett wird die Verwirrung dann, wenn durch die Drahtmaschen hindurch noch andere Objekte sichtbar werden – und tatsächliche Zeichnungen, die Plensa direkt auf die Wände aufgetragen hat.

 

Plensas Figuren strahlen eine meditative Ruhe aus. Sie haben die Augen geschlossen, ihre Gesichtszüge wirken entspannt. So auch die Skulptur „Blind Angel“, eine mit angezogenen Beinen sitzende Figur, die die Augen mit den Händen bedeckt. Die Figur aus Polyesterharz sitzt jedoch nicht auf dem Boden, sondern hängt an der Wand und ist von innen erleuchtet. Es ist die Suche nach dem Inneren, dem unsichtbaren Teil des Menschen, die Plensas Arbeit prägt. „Wir trauen unseren Augen und Ohren zu sehr“, erklärt er. „Wir sollten manchmal nur unserem Herzen trauen.“

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Song of Songs, 2005

Es ist offenbar das Unsichtbare, das Plensa mit seinen Skupturen zu erforschen sucht. So verwendet er für seine Skulpturen und Installationen auch nicht stoffliche Komponenten wie Licht und Klang. Zum Beispiel bei seiner Arbeit „Song of Songs“: Vorhänge aus an Draht aufgehängten Stahlbuchstaben, die von oben nach unten gelesen den Text des Hohen Liedes Salomons.

„Mich hat immer schon geärgert, dass man die Rückseite der Buchstaben auf dem Papier nicht sehen konnte“, sagt Plensa. Mit seinem Buchstabenvorhang hat er sie sichtbar gemacht. – Und zudem das Lied Salomons zum Klingen gebracht. Denn wenn man die Drähte bewegt, erklingt das glockenhelle Geräusch der aneinanderstoßenden metallenen Buchstaben.

(Ein)Blick in andere Welten

Das Arp Museum zeigt Kunst von Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen

Hubert Lucht, Vogel auf der Wiese
Hubert Lucht – Vogel auf der Wiese

 

Die Dadaisten suchten vor 100 Jahren nach der reinen, unverfälschten Kunst. Und die war ihrer Meinung nach viel mehr als das, was an den Kunsthochschulen gelehrt wurde. Die Dada-Gründer Hans Arp, Hugo Ball, Emmy Hennings, Tristan Tzara, Richard Huelsenbeck und Marcel Janco erweiterten den etablierten Kunstbegriff und zeigten in ihrer Galerie zum Beispiel auch Kinderzeichnungen. Das Arp Museum Rolandseck setzt diese Tradition fort und wagt ebenfalls die Grenzüberschreitung: Das Museum zeigt bemerkenswerte Arbeiten von 51 Künstlern und Künstlerinnen mit psychischen oder geistigen Beeinträchtigungen aus sechs Ateliers des Landesverbandes Lebenshilfe Rheinland-Pfalz und dem Kloster Ebernach in Cochem.

Dada und das Unterbewusste

Im Jubiläumsjahr des Dadaismus nimmt das Arp Museum damit auch Bezug auf die Entdeckung der Psyche und des Unterbewussten, die großen Einfluss auf die Künstler der Dada-Bewegung, aber auch des Surrealismus hatte. Die Dada-Künstler ließen sich unter anderem durch die 1922 veröffentlichte Abhandlung „Bildnerei der Geisteskranken. Ein Beitrag zur Psychologie und Psychopathologie der Gestaltung“ des Psychiaters und Kunsthistorikers Hans Prinzhorn inspirieren. Die Kunst geistig beeinträchtigter Menschen interessierte sie auf der Suche nach dem reinen, unverfälschten Ausdruck.

Danny Scholz, König Johannes
Danny Scholz – König Johannes

Was gibt’s zu sehen?

Intuitive Schaffenskraft  ist auch in den Gemälden, Zeichnungen und Skulpturen zu erkennen, die Kuratorin Jutta Mattern aus den sieben Ateliers zusammentrug, in denen Behinderte unter Anleitung von Künstlern oder Kunsttherapeuten kreativ werden. Die Werke zeigen, dass die Künstler ihre Umwelt intensiv wahrnehmen und ganz genau hinschauen – wenn auch manchmal anders als der Durchschnittsmensch. Darin aber liege die besondere Qualität der Arbeiten, sagt Mattern. Neben persönlichen, autobiografisch geprägten Themen beschäftigen sich die Künstler auch mit gesellschaftlichen Problemen wie Arbeitslosigkeit oder Krieg und Flucht. Gegliedert ist die Ausstellung nach Themenbereichen wie „Ich und die Anderen“, Mann, Frau, Sexualität“ oder „Architektur und Behausung“.

Dietmer Grafe, Badende
Dietmer Grafe – Badende

Viele Künstler arbeiten seit Jahren in den Ateliers und entwickeln sich technisch immer weiter. Vieles liege zunächst verborgen in diesen Menschen, sagt Wolfgang Sautermeister, der die Malwerkstatt in Bad Dürkheim leitet. „Im Lauf der Zeit ist man dann erstaunt, was da so entsteht. So wie etwa die Bilder von Dietmer Grafe, die bereits im Eingangsbereich des Museums ins Auge fallen. Er zeichnet die Umrisse seiner expressiven Figuren mit einem schwarzen Edding-Stift. Während die Figuren weiß bleiben, malt er den Hintergrund in leuchtenden Farben aus.

Während Melanie Wieworra aus dem Atelier Augenschmaus in Wörth farbenfrohe, gestische Gemälde schafft, ist Daniel Schoas Selbstbildnis ein akribisch schwarz-weiß gezeichnetes Wimmelbild. Wie alle anderen Künstler auch entwickelten die Atelier-Mitglieder ihren ganz eigenen Stil, sagt Sautermeister. Während einige mit Farbe spritzten, könnten andere es kaum ertragen, wenn auch nur ein kleiner Strich daneben ginge.

Daniel Schoa Daniels Welt
Daniel Schoa – Daniels Welt

„Was die Bilder einzigartig macht, ist ihre Unabhängigkeit“, sagt Kuratorin Jutta Mattern. Denn die geistig oder psychisch beeinträchtigten Maler tun das, wonach die Dadaisten vor 100 Jahren suchten: Sie drücken in ihren Werken ohne künstlerische Allüren oder Schere im Kopf aus, was sie fühlen und sehen. Die Ehrlichkeit und Direktheit merkt man den oft farbenfrohen und überraschenden Arbeiten an.

Es gibt zu der Ausstellung auch einen Audioguide in einfacher Sprache sowie ein inklusives Begleitprogramm.

www.arpmuseum.org